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Theodor Lessing – Natur und Ethik (Rezension)

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Am sichersten ist es, entweder auf Feigheit oder Angst aufzubauen – Theodor Lessing, 1924

Die scharfsinnigen Erkundungen eines streitbaren Beobachters – zwischen Volksfest und Serienmord

Theodor Lessings “kleine Schriften” von 1924, die Rainer Marwedel im Jahr 2026 unter dem Titel “Natur und Ethik” in seiner Lessing-Edition herausgebracht hat, spannen sowohl inhaltlich als auch qualitativ ein breites Spektrum auf: Der Leser wird den größtenteils verkannten Autoren in dessen Texten als zuweilen brillant und pointiert bis weitschweifig promenierend, sich der eigenen Klugheit und Wortgewandtheit erfreuend, erleben. Wenn er sich darauf einlässt, kann er etwa Lessing mit dessen Kindern auf ein Volksfest begleiten (Lessing tut es nur widerwillig), doch selbst dort kann Lessing nicht einfach nur der liebe Vater sein und abschalten; sein Gehirn brütet weiter Theorien aus und am Ende steht eben der Text, den Marwedel für uns neben vielen anderen aus den Tiefen der Zeit gezogen hat.

Zitat:

Aber die Kinder quälen und quengeln: »Geh mit uns auf die Schützenwiese.« Nur ungern trenne ich mich von meinen Büchern. Aber schließlich sage ich: Gut, es geschieht unter der Bedingung, daß Ruth fest an meiner Hand bleibt, daß Hilde mit keinem andern tanzt als mit mir oder mit Paul und daß du Paul nicht mit Knallerbsen schießt.
[…]
Ich überlege: Worin besteht bei einem Volksfeste das Vergnügen? Richtig betrachtet, sind auf dieser Freudenwiese alle Dinge beisammen, die man vernünftigerweise vermeiden und nicht lieben sollte. Man bezahlt viel Geld, um lauter Abscheuliches mit sich vornehmen zu lassen. Man ist darüber entzückt. Ein philosophisches Problem! Ha! Plötzlich kommt mir eine Erleuchtung. Richtig! Besteht nicht das Vergnügen beim Karussellfahren darin, daß man nur beinahe übel wird? Ist es nicht herrlich, daß man auf dem Teufelsrad und in der Teufelsburg nur beinahe Hals und Beine brach? Kommt man nicht immer wieder mal mit dem Leben davon? Und gibt das nicht ein mächtiges Lebensgefühl?


“Natur und Ethik” ist auch ein Streifzug durch die Städte, die in Lessings Leben etwas bedeutet haben: Hannover, Prag, Karlsbad und schließlich Marienbad, der Ort, an dem ihn Anhänger der Nationalsozialisten im August 1933 ermordeten. Neben Tierbetrachtungen (“Der Truthahn”, “Weiße Mäuse”, “Kaninchen und Katze” und dergleichen), die immer aufs Menschliche abzielen, macht der Fall des Serienmörders Fritz Haarmann einen größeren Teil des Buches aus. Lessing stellt literarisch stark dar, wie damals gruselige Gerüchte in der Bevölkerung allmählich zur Gewissheit wurden – wir sehen den Autoren auf der Höhe seines Wirkens als bleibenden hellsichtigen Zeitzeugen einer Reihe schwer vorstellbarer Verbrechen, sehen einen Autoren bzw. Journalisten, der die Mitschuld der damaligen Behörden furchtlos bloßgestellt hat und dafür teuer bezahlen musste.

Zitat:

In Hannover bestand in den Jahren 1918 bis 1924 eine Art Menschenschlächterei, Knaben und Jünglinge verschwanden in auffallend großer Zahl. Es stellte sich heraus, daß sie – ganz gleich, ob in 20 oder in 40 Fällen – teuflisch gemordet sind. Ihre Knochen und Schädel wurden in die Leine oder in Teiche der Umgebung geworfen. Die Eingeweide auf Kirchhöfen verscharrt. Das Fleisch beseitigt, wenn nicht gar verwertet. Nur durch ein Gewebe von Zufällen gelang es, nachdem die Volksseele längst beunruhigt und dem dunklen Werwolf auf die Spur gekommen war, den Verbrecher festzustellen, der die schwärzesten Greuelgeschichten des Pitaval übertrumpft. Der Verbrecher, ein als defekt bekanntes Individuum, ist 45 Jahre alt und hat Zuchthausstrafen und längeren Aufenthalt im Irrenhause hinter sich.


“Natur und Ethik” enthält jedoch auch einige Texte wie “Im Nestchen”, in denen Lessing sein Handwerk deutlich überspannt und ein regelrechtes Wortgewitter veranstaltet hat, das vom Leser einiges an Langmut einfordert. Eine Langmut, die sicherlich nicht jeder aufbringen mag – aber genau das ist das breite Spektrum, von dem schon eingangs gesprochen wurde.

Lessing ist immer dort stark, wo ihn Selbstverliebtheit und die Tragik des geringen weltlichen Erfolgs trotz seiner Größe nicht zu sehr vom rechten Weg abbringen, und wo er sein Talent funktional hält. In seinen schwächeren Stunden verfällt er derselben Sünde, die er einst bei Maximilian Harden gegeißelt hat: Der Eitelkeit – auch wenn Lessing als junger Mann diese vor allem auf Hardens Auftreten bezog.

Der Titel des Bandes (“Natur und Ethik”) suggeriert, dass Lessings Schaffen sauber systematisierbar ist, und wer sich von ihm leiten lässt, wird vielleicht enttäuscht werden. Interessierte, die Theodor Lessing noch nicht kennen, sind nach wie vor mit dem antiquarisch erhältlichen Sammelband “Ich warf eine Flaschenpost ins Eismeer der Geschichte – Essays und Feuilletons (1923 – 1933)”, den Marwedel bereits 1986 herausgab, besser bedient, weil es eine Blütenlese aus einer ganzen Dekade im positivsten Sinne ist. “Natur und Ethik” ist vermutlich eher ein Gegenstand für Forscher, Komplettisten und allgemein Bibliotheken – auch wenn es ein wenig schmerzt, das auszusprechen.

Ganz falsch ist der Titel des Buches nicht, die Texte haben durchaus häufig mit Natur und Ethik zu tun. Lessings Moral ist dabei teilweise überraschend streng – überraschend, weil der Autor sonst als großer Freigeist auftritt. Dass er Ordnung liebt, hat er allerdings bereits 1908 in “Der Lärm – Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens”, die durch ihren wissenschaftlichen Ernst ans Satirische grenzt, unter Beweis gestellt. Es ist eine Strenge, die sich möglicherweise aus einem impulsiven, leidenschaftlichen Charakter gespeist hat, denn Theodor Lessing war offenbar ein Mann von Temperament, was sich am leichtesten an seiner Fehde mit Thomas Mann ablesen lässt, aber auch in Nebentexten begegnet uns eine gewisse Feurigkeit, z.B. in der Anekdote (“Der Umgang mit Menschen”) der ungewollten Übernachtung in Galizien, wo Lessing nachts u.a. die Stiefel gestohlen werden und er es allein durch Listen erwirkt, dass er diese zurückerhält. Lessing folgt in diesem Text dem von ihm aufgestellten “obersten Gebot: jeden Strolch als Gentleman zu behandeln” – das ist eine für den Autoren typische Paradoxie. Wir sehen Lessing in diesem Text als fast boshaften Heimzahler, der durch Freundlichkeit und Vorspiegelung falscher Tatsachen zu seinem Ziel kommt, ohne die Sache selbst, die gestohlenen Sachen, zu erwähnen. Ja, einen Theodor Lessing möchte man lieber nicht als Feind haben, ganz egal, ob man nun Mann, Hindenburg oder Kunz heißt …

Zitat:

[...]die Rechnung wurde anständig herabgesetzt; der Bäcker ließ es sich nicht nehmen, das Gepäck selbst an den Zug zu tragen und bis zur Abfahrt lag er mir in den Ohren, ich möge doch eine arme und ehrliche Familie nicht unglücklich machen. Ich ließ ihn völlig in Ungewißheit; das war seine Strafe... Alle diese kleinen Regeln über den Umgang mit Menschen betrachte man jedoch nur als Notbehelfe. Es gibt kein schlimmeres Verbrechen, als Menschen wie Figuren eines Schachspiels zu behandeln. Kant hat seinen obersten sittlichen Imperativ in die Worte gefaßt: Du sollst den andern immer als Selbstzweck behandeln, nie als Mittel zu einem Zweck. Dieses: »Du sollst« ist wahrhaft richtig. Aber höher noch als alles: »Du sollst«; der gerecht auswertenden Vernunft steht die Liebe. Liebe zum Menschen kann man nicht lehren. Man muß sie fühlen.



Die Lessing-Edition ist ein undankbares Lebenswerk. Auch der neue Band lebt von privater Förderung, sonst hätte er wohl nicht erscheinen können. Es mutet wie literarische Quijoterie an: Ein idealistisch gestimmter Reiter zieht aus, um ein signifikantes Stück Geistesgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts zu retten. Diese Analogie soll hier jedoch nicht bis zur Dulcinea del Toboso getrieben werden: Auf dem harten Boden der Tatsachen müssen wir jedenfalls anerkennen, dass eine Einzelperson ein ambitioniertes Editionsprojekt gegen die Widerstände von Marktlogik und Institutionen über viele Jahre trägt und noch viele weitere Jahre harter Arbeit vor sich hat.

Marwedel hat für den neuen Lessing-Band einen ausführlichen Kommentar erarbeitet, der mehrere Funktionen erfüllt: Er weist Quellen und Fundorte nach, identifiziert weniger bekannte Personen und unterzieht Lessings Behauptungen gelegentlich einer sachlichen Prüfung. Das ist mehr als philologische Erschließung; es ist eine stille editorische Kontrolle des Autoren. Auf Fußnoten wurde verzichtet, was die Originaltexte optisch rein hält und nicht unüblich, beim Lesen aber etwas unpraktisch ist. Als nützlich erweist sich das Personenregister.

Im Nachwort “Im Mittelreich zwischen Gott und Tier. Theodor Lessings anthropologische Erkundungen” spielt Marwedel philosophisch groß auf und zeigt, wozu er schreibend in der Lage ist, verliert aber auf halbem Weg den Bezug zu Lessing und findet nur mühsam zu ihm zurück. Dem Leser als Nachwort dienlicher gewesen wäre vielleicht ein Abriss des historischen Kontextes und wie sich Lessings Texte darin einordnen (etwas, das Marwedel bereits in seiner Lessing-Biographie in den 1980er Jahren praktiziert hat) – nur, wer wollte dem Herausgeber dieses fast verborgene Kämmerlein nicht zugestehen, in dem er neben bzw. nach seiner mühevollen Arbeit einmal ganz er selbst sein kann? Aber weiter in der Kritik: Am Ende wird der Titel des Nachwortes dadurch strukturell gedoppelt, dass es ein weiteres Bild Lessings aufnimmt, welches behauptet, dass zwischen “Wassermeer” und “Äthermeer” der “Garten der Mitte” läge, doch was soll das bedeuten und was bleibt unterm Strich? Vielleicht all dieses: Das “höllische Trauerspiel der Weltgeschichte” ebenso wie das durch die “Ätherluft des Humors” geformte “menschliche Lustspiel” – und ein Menschendurchschauer wie Herr Theodor Lessing, dessen Werk zwar nicht in seiner Gänze aber über weite Teile außerordentlich lesenswert ist. Es ist ein Werk, das sich einen Platz neben den Texten von Karl Kraus und Kurt Tucholsky sicherlich verdient hat – oder, muss man sagen: hätte. Es zeugt von einer kompromisslosen, nahezu reinen Geisteshaltung, auf die es zu allen Zeiten ganz wesentlich ankommt: 1924 wie 1933 wie heute.

***


Theodor Lessing: Natur und Ethik. Kleine Schriften 1924
Hg. und kommentiert von Rainer Marwedel
496 S., Leinen, Schutzumschlag, 13,8 x 23 cm
ISBN 978-3-8353-5875-1

€ 45,00 (D) / € 46,30 (A)
Erscheinungsdatum: 15.05.2026

Veröffentlicht am 12.06.2026

© 2026 by Arne-Wigand Baganz

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