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Wie ich meinen Roman schrieb

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Die Mühen des kreativen Schreibens

Ein ungeschönter Bericht

Einem Leser ist es herzlich egal, wie lange ein Autor an einem Roman gearbeitet hat, seien es nun ein, zwei oder auch fünf Jahre: Entweder, der Roman gefällt ihm – oder nicht. Es kommt ihm nur auf das Resultat an. Auf der anderen Seite ist es einem Autor selten egal, wie viel Zeit und Energie er in ein Werk investiert, weil es für ihn schlicht Kosten sind – und daher werden die folgenden Schilderungen, in denen ich von der Arbeit an meinem eigenen Roman berichte und darüber, was ich dabei gelernt habe, vermutlich eher für Autoren als für Leser interessant sein.

Vor mir liegt heute ein Werk mit etwa 430 Buchseiten, angefangen im späten Sommer 2023, das erste Mal “fertig” Anfang 2025 – aber eben nur in Anführungsstrichen, und zwar dünnen und daher sehr zerbrechlichen. Etwas Längeres wie einen Roman zu schreiben, ist ein für mich eher ungewöhnliches Unterfangen. Gut, ich habe als etwa 13- oder 14-Jähriger einen Politthriller geschrieben, in dem im chinesischen Urumqi eine Seuche ausbricht und mit 19 oder 20 eine Novelle, die sich an Kafka und Hesse angelehnt hat, aber seit bald dreißig Jahren bin ich vor allem in kürzeren Formen wie der Lyrik oder Essayistik zu Hause, so dass ich anfangs schwere Zweifel hatte, ob es mir gelingen würde, überhaupt 120 bis 140 Seiten mit meinen Worten zu füllen.

Es kam allerdings ganz anders: Die erste Fassung meines Romans hatte in erstaunlich kurzer Zeit einen Umfang von beinahe 500 Seiten erreicht. Die Sätze waren “einfach” aus mir herausgeflossen, als wäre ich ein Gebirgsbach nach tagelangen Regengüssen, dessen Wasser in die Niederungen hinabschießt; ich berauschte mich an der neuen, trügerischen Freiheit der ungewohnten Form, schrieb auf, was ich vielleicht schon seit Jahrzehnten literarisch ausdrücken wollte, und dann begab ich mich in die kargen Wonnen des Korrekturlesens und Verbesserns, fing vorn an, endete hinten und fing wieder vorn an usw., bis ich nach 18 Monaten vollkommen erschöpft war: Ich konnte an dem Manuskript einfach nicht mehr arbeiten, “das muss es jetzt gewesen sein”, dachte ich mir. Natürlich waren da nicht geringe Zweifel an dem, was ich zu Papier bzw. auf die Datenträger gebracht hatte, aber ich hatte einen absoluten Endpunkt erreicht. Dass ich nicht nur mit Lob bei meinem ersten Leser rechnen durfte, war mir schon klar, denn erstens bin ich kein Träumer, und zweitens ist er ein wacher und kritischer Geist, dennoch nahm es einen von mir nicht in dieser Form antizipierten Lauf: Der Testleser hatte nicht nur ein paar Mängel in meinem Roman gefunden, sondern war regelrecht schockiert von dem, was ich in den vielen Monaten fabriziert hatte. Für ihn schien das Buch auf dem Niveau von propagandistisch aufgeladenen DDR-Kinderbüchern zu rangieren. Klar, ich konnte das schon irgendwie nachvollziehen, stellenweise, so war es mir durchaus bewusst, hatte ich es richtig doll getrieben, auch mein Thema und dessen reale Hintergründe hatten mich dazu verleitet, aber das taugt als Entschuldigung kaum. Von diesem Feedback ließ ich mich nicht verdrießen: Die ärgsten Stellen, und ich hatte gleich ungefähr drei Hände voll im Kopf, würde ich schnell glattbügeln können, um dann immer noch ein akzeptables Werk zu haben, aber beim anschließenden Aufräumen merkte ich bald, dass der ganze Text regelrecht kontaminiert, also vergiftet war.

Ich stand, den Kopf nicht wenig gesenkt, vor meinem Roman wie vor Ruinen: Mir erschien es unmöglich, noch einmal die Kraft aufzubringen, die existierenden Schwächen in ihm zu beseitigen, denn das würde wahrscheinlich noch einmal den gleichen Aufwand erfordern, den ich bereits erbracht hatte. Welche Schwächen aber waren das genau, an denen mein Werk krankte? Es lässt sich relativ einfach zusammenfassen: Der Roman war platt, die Figuren waren kaum mehr als tumbe Sprachrohre für essayistische Abschweifungen, nichts wurde im Ungefähren gelassen, Beiläufigkeiten breit geschildert, den Lesern alles vorerklärt – sicherlich auch Folgen von damals 10 Jahren Gegenpropaganda, die ich auf Twitter betrieben hatte. Was als Tweet funktioniert, funktioniert nicht auf der Länge eines Romans.

Erschöpft ließ ich das Manuskript erst einmal ruhen, während es mich im Kopf weiter beschäftigte, ein halbes Jahr lang, in dem ich plötzlich in einen intensiven Schaffensrausch geriet, aus dem zahlreiche Gedichte hervorgingen. Gegen Ende 2025 raffte ich mich noch einmal auf und machte mich an das Ausmerzen der Plattheiten und Überlängen, es geriet zu einem ersten komplettes Umschreiben, und die fast 500 Seiten schrumpften auf etwa 380.

In Ratgebern und Fachgesprächen heißt es immer monoton “Kill your darlings”, aber keine einzige meiner Streichungen hat mir wehgetan – es ist anders als bei einem Menschen, der vielleicht ein Körperteil opfern muss, damit der Rest des Körpers weiterleben kann: Ich habe nur Verzichtbares herausgeschnitten; die verschwendete Zeit, in der ich Missratenes poliert habe, als würde ich eine Gabel voller Mist in einen Diamanten umwandeln können, bekomme ich natürlich von niemandem zurück. Mit den ausgiebigen Streichungen war es allerdings auch noch nicht getan. Der nächste Arbeitsschritt nach etwas weiterem Abstand bestand darin, das Buch schrittweise auf einem E-Book-Reader zu lesen und dabei Anmerkungen zu machen, die dann zeitnah umgesetzt werden sollten. Das Probelesen geschah aus Zeitmangel größtenteils in der U- oder S-Bahn von Berlin auf dem Pendelweg zur Arbeit – nicht die idealste Voraussetzung, aber nach einer Weile erwies sich das Vorgehen doch als extrem produktiv: Meine Sätze mussten sich gegen den Lärm des Berliner Arbeitsvolkes, gegen die öffentlichen Schmatzer frisch Verliebter, gegen das Gackern von Schulmädchen und den mächtigen Gestank der Halb- und Vollpenner durchsetzen – und was habe ich nicht alles angestrichen, wie habe ich beim Unterwegslesen den Kopf geschüttelt und geflucht – auf die Mitreisenden mag ich dabei manchmal wie ein psychisch Gestörter gewirkt haben:
Mein Text war oft noch immer weit entfernt von dem, was ich mir vorstellte, gleichwohl ich weiter an meine grundsätzliche Idee glaubte. Die stumpfe Propaganda hatte ich nun zwar ausgemerzt, aber zurückgeblieben war an vielen Stellen ein Skelett, eine Erzählweise, die oft so trocken wie ein Drehbuch war, doch auch darüber ist das Manuskript nun, nach vielen weiteren Monaten des Verbesserns, hinweg. Während meines durch neue Office-Regelungen erzwungenen “Mobillektorats” gab es immerhin auch Momente wie diesen einen, in dem ich den Ausstieg verpasste, weil ich mich zu sehr in mein Manuskript versenkt hatte …

Bei jeder Iteration, und insgesamt dürften es bisher neun gewesen sein (der genau Überblick ging mit der Zeit verloren), habe ich etwas gelernt, so dass es gerechtfertigt erschien, eine neue zu beginnen, um mein Buch zu einem besseren zu machen. Auch jetzt habe ich noch einen Durchgang vor mir, es geht um verbliebene Rechtschreibfehler und Kleinigkeiten – hoffentlich den allerletzten, denn irgendwann muss einmal Schluss sein, neue Projekte warten schon lange, sehr lange auf ihre Umsetzung …

Eingangs habe ich von der in ein Kunstwerk investierten Zeit geredet und wie egal sie dem Konsumenten ist. Mein Roman wird am Ende vielleicht 1200 Stunden reine Schreibarbeit verschlungen haben. Das ist nicht wenig Lebenszeit, und wem es doch so scheint, der kann sie gern mit einem Stundensatz von vielleicht 50 Euro multiplizieren, um bei einer Zahl anzulangen, die ihn möglicherweise mehr beeindruckt. Aber darum geht es nicht. Man kann ein Album wie das Debüt der Doors oder von Black Sabbath in ein paar Tagen einspielen und etwas für die Ewigkeit schaffen, oder wie Pink Floyd Monate an “The Dark Side of the Moon” herumfeilen – beide Vorgehensweisen können zu beim Publikum beliebten Resultaten führen.
Einen Roman zu schreiben ist allerdings etwas anderes, als ein Album aufzunehmen. Beim Schreiben eines Romans fehlt der Performanceaspekt, im richtigen Moment das Richtige auf einem Instrument zu machen, man kann behutsam und ohne Druck vorgehen: Eine Note musste damals in der Regel in Echtzeit eingespielt werden, oft gemeinsam mit der Band, da man vor allem Liveaufnahmen machte, bei Worten, die zum Lesen bestimmt sind, ist es hinterher egal, wie man sie einst geschrieben oder getippt hat – man sieht es dem Text nicht an.

Bei einem Roman sucht man möglicherweise drei Wochen nach den passenden Namen für die Protagonisten, und wenn es einem nicht gelingt, diese zu finden, dann kann das gesamte Werk darunter leiden, man riskiert die ganze investierte Zeit. Und auch dieses gilt: Ein Roman verzeiht wenig, gerade auf den ersten 100 Seiten. Bei einem Gedicht von etwa 500 Wörtern hingegen gefährdet man durch Fehlgriffe ein oder zwei Stunden Lebenszeit: Geschenkt. Wenn es nicht zu retten ist, wirft man das Gedicht einfach weg und schreibt ein neues.

Was sich bei mir im Laufe der Arbeit und nicht erst an deren Ende geändert hat, ist der Respekt vor den Aufwänden, die in anderen Romanen stecken. Ich habe über die Jahre nicht wenige äußerst kritische Rezensionen geschrieben und stehe, soweit sie mir gerade präsent sind, nach wie vor zu den Urteilen, die ich in ihnen gefällt habe, auch wenn ich sie heute sicherlich anders formulieren würde. Ich erkenne also mittlerweile recht demütig die Mühen an, die Romane ihren Schöpfern gemacht haben – obwohl die Versuche in meinen Augen doch misslungen sind. Mag sein, dass mein eigener Roman gleichfalls noch immer misslungen ist. Das zu entscheiden wird schließlich an seinen Lesern liegen; ich habe getan, was ich konnte.

Veröffentlicht am 27.08.2026

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