Wer eine Sentenz wie „Es gibt keine Revolution als Dauererscheinung, die nicht zur vollkommenen
Anarchie führen müsste. So wie die Welt nicht von Kriegen lebt, so leben
die Völker nicht von Revolutionen. Es gibt nichts Großes auf dieser Welt,
das Jahrtausende beherrschte und in Jahrzehnten entstanden wäre. Der größte
Baum hat auch das längste Wachstum hinter sich. Was Jahrhunderten trotzt,
wird auch nur in Jahrhunderten stark” hört, könnte Edmund Burke oder Alexis de Tocqueville als Urheber vermuten:
Der Ton ist besonnen, die Metaphorik organisch, der Gedankengang zwar
leicht sprunghaft, aber letztlich in sich geschlossen. Es gibt kein Pathos,
keinen Drang zum Extremen – nur den ruhigen Atem einer unspektakulären
Weisheit: Was ewig bestehen soll, ist auch ewig in seinem Entstehen
begriffen. Daher heißt es zum Ende des Zitates hin folgerichtig, dass der
größte Baum auch das längste Wachstum hinter sich haben muss.
Tatsächlich stammt das Zitat aus der Proklamation Hitlers zur Eröffnung des
Reichsparteitages 1934 in Nürnberg, verlesen von Adolf Wagner, dem
damaligen Gauleiter Bayerns, in seiner Funktion als offizieller Sprecher
der Partei. Leni Riefenstahl hat diese Zusammenkunft brauner Größen und
eben jenen durch seine Bildhaftigkeit und Rhythmik fesselnden Vortrag
Wagners in ihrem epochemachenden Propagandafilm „Triumph des Willens” für
ihre eigene Zeit und damit auch für die Nachwelt festgehalten.
Betrachtet man den Stil des Zitats, erscheint Hitler als alleiniger Urheber
äußerst unwahrscheinlich. Der Passus besitzt eine aphoristische Verdichtung
und eine durchkomponierte Dreistufung (Revolution, Krieg, Natur), die
Hitlers dokumentiertem Kommunikationsstil fremd ist. Der „Führer” schrieb
und sprach parataktisch-aggressiv, auf Wiederholung und Zuspitzung
ausgelegt, nicht auf sentenzhafte Kürze – also wie jemand, der aus dem
Schützengraben heraus seine Luger oder Mauser leerfeuert und dabei ins
Schwitzen gerät, während er meint, eine Heldenfigur, ein Retter in einer
Wagner-Oper zu sein …
Mehr noch, inhaltlich bedient sich das Zitat einer Tradition, die weit
älter ist als der Nationalsozialismus. Baltasar Gracián formulierte im 17.
Jahrhundert dieselbe Grundfigur:
Zitat: Was gut ist, ging schnell genug. Was man gleich macht, löst sich auch gleich wieder auf; was aber für immer halten soll, braucht auch für immer, um zu entstehen. Nur die Vollkommenheit zählt, und nur das Gelungene hat Dauer. Verstand mit Gründlichkeit schafft Dinge für immer. Was großen Wert hat, verlangt große Anstrengung; denn auch das edelste der Metalle dauert am längsten und hat das größte Gewicht.
Dauerhaftigkeit wird hier als Funktion von Langsamkeit, Gold als die damals
noch als schwerste bekannte und dauerhafteste aller Substanzen dargestellt.
Aber auch Gracian ist nicht der ursprüngliche Schöpfer, das Denkmuster ist
durchaus antik und ehrwürdig, die Ideenspur führt weiter zu Seneca und
Quintilian, führt zum stoische Grundsatz festina lente (in etwa: Eile mit Weile). Wer den Proklamationstext formulierte, war
klassisch gebildet genug, um diese Tradition zumindest in ihren Umrissen zu
kennen – Hitler war es ganz sicher nicht.
Für sich genommen, also ohne jedweden Kontext, erscheint das Zitat
einigermaßen brauchbar – man könnte es in eine Handvoll Sätze aufspalten,
die sich für Kalendersprüche eignen. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie
wichtig ein Stoppschild sein kann, auf dem die Frage „Wer sagte was wann?”
steht, denn es sind eben keine aneinandergefügten Kalendersprüche, mit
denen wir es hier zu tun haben.
Die ideologische Funktion der Sentenzen war in der zweite Jahreshälfte von
1934 präzise: Nach dem „Röhm-Putsch” im Sommer (Juni / Anfang Juli) sollte
die überlebende SA-Fraktion, die nach der „zweiten Revolution” rief,
mundtot gemacht und die Alleinherrschaft der Nationalsozialisten als
organisch-naturwüchsiger Prozess legitimiert werden – wie die Entwicklung
eines Baumes. Die klassische Weisheitstradition wurde somit zur politischen
Stillstellungsformel – gleichzeitig gaben sich die Nationalsozialisten in
diesen Worten staatstragend und konservativ-legitim, was den Wünschen
vieler Bürger entsprochen haben mag:
Nicht die Anarchie, die nach dem Machtwechsel nur allzu oft präsent war,
sollte fortgesetzt werden, sondern das natürliche Wachstum, gegen das
schwerlich jemand etwas haben konnte – dabei ist der Baum in dem Zitat nur
eine euphemistische Metapher für ein menschenfeindliches Regime, das sich
vorgenommen hat, wie eine kräftige und etwas glückliche Eiche tausend Jahre
zu dauern und zu überdauern.
Kulturhistorisch hat das Zitat sein Ende noch nicht in Riefenstahls Film
von 1935 gefunden, es wurde Jahrzehnte später durch die Post-Punk- und
Neofolk-Band „Death in June” wiederbelebt, in dem es als verführerisch
tönendes Sample unter dem Song „Runes and Men” erschien (zu hören auf dem
1987er Album „Brown Book”). In diesem Lied heißt es übrigens in einer
Strophe: „Then my loneliness closes in // So, I drink a German wine // And drift in
dreams of other lives // And greater times”. Das ist mit der Zeit vielleicht selbst für Douglas P., den Sänger und
alleinigen Weiterführer der Band, zu viel der bewussten Anspielung gewesen:
Wer über diesem NS-Zitat von einem Reichsparteitag von „größeren Zeiten”
schwärmt, hat argumentativ kaum noch einen Ausweg aus der Sackgasse, in die
er sich begeben hat. Spätere Aufnahmen, nachweislich ab 1997 (BestOf:
„Discriminate (1981-’97) – A compilation of personal choice”), vielleicht
schon früher, verzichten auf das kompromittierende Sample.
Aus dieser kursorischen Schau durch die Jahrhunderte lässt sich ein Schluss
ziehen:
Was festina lente für die Stoiker war, was Gracián für den Barock destillierte, was ein
unbekannter Redenschreiber 1934 zur politischen Waffe formte und was
Douglas P. 1987 wie einen braunen Teppich als atmosphärisches Sample
auflegte – es handelt sich immer um ein ähnliches oder sogar das selbe
Material, die Signaturen, die Bedeutungen jedoch wechseln.
Wenn wir den Autoren und seinen Hintergrund, den historischen Moment, die
möglichen Absichten und die Rezeption vernachlässigen oder ganz außer Acht
lassen, haben wir zwar an einer Überlieferung partizipiert, aber noch nicht besonders viel verstanden.
Es gibt keine Textschöpfungen aus dem Nichts heraus – der Kontext ist Teil
des Textes.
