Die DDR lässt uns nicht los, schon gar nicht, so lange noch Menschen
existieren, die in ihr gelebt und gelitten haben, auch den 1955 in Güstrow
geborenen Literaturwissenschaftler Carsten Gansel nicht. Sein im Jahr 2026
erschienenes Buch “Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand”, das
hier keinesfalls ausführlich besprochen, sondern nur in seiner
Schlagrichtung beurteilt werden soll, ist bemerkenswert aufgemacht: Das
erste, was nach dem harten Verb “Ausradiert” ins Auge sticht, ist das
Fragezeichen, das zum einen Neugier ausdrücken kann, aber gleichzeitig ein
rhetorisches Mittel ist, das einem erlaubt, etwas auszusagen, um sich im
selben Zug davon zu distanzieren. Jeder, der schreibt, wird bei einem
heißeren Gegenstand zumindest schon einmal versucht gewesen sein, dieses
nicht ganz saubere Mittel selbst einzusetzen …
Auf dem Cover von “Ausradiert” zeigen sich die grauen Ruinen des Palastes
der Republik, einem der bekannteren Symbole der untergegangenen Diktatur
von Moskaus Gnaden – auffällig im Vordergrund steht ein einsamer
Betonblock, vermutlich ein Treppenhaus. Ja, so sieht er aus, der Untergang,
und bei so viel augenscheinlicher Tristesse mag man durchaus versucht sein,
ein Tränchen zu vergießen. Marketingtechnisch hat der Reclam-Verlag hier
alles richtig gemacht, seinen Titel kann man schwerlich ignorieren; dabei
ist es unerheblich, wie sehr die Aufmachung tatsächlich die Auffassung des
Autors widerspiegelt, denn Verlag und Autor müssen sich handelseinig
geworden sein, sonst wäre dieses Produkt nicht in dieser Form auf dem Markt
erschienen.
Der Unrechtsstaat DDR ist allerdings ein Land, das es besser nie gegeben
hätte. Es mag sich hart anhören, aber das gleiche gilt in großen Teilen für
seine Literatur.
Wer heute in einer Publikation das Verschwinden des einen oder der anderen
beklagt, wird dabei viele offene Türen einrennen, die Diktaturverklärung
ist nämlich in Mode, was sich nicht nur in den Wahlerfolgen von
Linkspartei, AfD und zeitweilig auch BSW zeigt. Sie ist ein einträgliches
Geschäft, an dem offensichtlich auch Traditionsverlage ein wenig
mitverdienen wollen. Gansels “Ausradiert?” bedient genau diese emotionale
Verbitterung und den damit verbundenen Trotz: Man habe einem als ehemaligen
DDR-Bürger nicht nur das Land, sondern auch dessen “geistiges” Erbe
gestohlen, dabei ist sein Wert erstens ziemlich zweifelhaft, zweitens ist
es nach wie vor verfügbar: Wer will, muss “Das Wolkenschaf” oder “Alfons
Zitterbacke” nicht einmal antiquarisch erstehen, um die Bücher lesen zu
können, diese Titel werden gedruckt und sind neuwertig verfügbar, sogar bei
“Monopolkapitalisten”.
Freilich, der Wissenschaftler Carsten Gansel denkt nicht in erster Linie an
Kinderbücher, und man mag dem Verfasser dieses Textes polemisches
Übertreiben vorwerfen, aber die eben erwähnten Titel sind gute Beispiele
dafür, wie die kommunistische Ideologie literarischen Niederschlag gefunden
hat, denn rein und unschuldig ist in diesen Bücher nichts. Offiziell
erwünschte und gezielt nach staatlichen Maßgaben produzierte Literatur in
der DDR sollte die Menschen zur Regimetreue erziehen, bisweilen vielleicht
auch einen gewissen Eskapismus ermöglichen ...
Dieser Erziehungswille hat sich selbstverständlich in der
Erwachsenenliteratur fortgesetzt, so dass kritische Geister, die gezwungen
waren, in der DDR ihr Leben zu fristen, lieber einen Bogen darum machten
und westliche oder klassische Literatur bevorzugten – oder aber “zwischen
den Zeilen” der neueren, verfügbaren Literatur nach ein paar verdaulichen
Krumen suchten.
Ja, man mag sagen, wie man es so gern sagt: Es war nicht alles schlecht, es
gab doch auch Untergrund-Autoren, Grenzgänger, Systemkritiker und
Verfolgte, manche werden Größen wie Christa Wolf herausheben, diese ist
aber nie “verschwunden”, andere Stefan Heym usw. usf.; wieder andere
vielleicht sogar Johannes R. Becher, der zwar zugestandenermaßen formal
eines der beeindruckendsten dichterischen Talente des 20. Jahrhunderts war,
aber durch seine Inhalte ähnlich ungenießbar ist wie beispielsweise der
unverbesserliche Kommunist Pablo Neruda, obwohl er auch ein paar Liebes-
und Naturgedichte in seinem Oeuvre vorzuweisen hat.
Um zur wertenden Behauptung über die Existenz der DDR und ihrer Literatur
zurückzukommen: Wenn die eben erwähnte Christa Wolf beispielsweise nicht
von der Stasi beobachtet worden wäre, wäre das für sie persönlich mit hoher
Wahrscheinlichkeit erfreulicher gewesen, auch wenn sie dann nicht in einem
Buch darüber hätte schreiben können, das Literaturwissenschaftler später zu
einem Forschungsgegenstand gemacht hätten.
Warum also, das muss gefragt werden, soll heute irgendein besonderer
institutioneller Aufwand betrieben werden, um die DDR-Literatur zu fördern
und wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu holen? Sie ist nicht
vollkommen irrelevant, aber doch eine Geschichte von vorgestern, in der man
vor allem etwas über die Geschichte lernen kann.
Was der Markt akzeptiert, wird, wie wir bereits bei den Kinderbüchern
gesehen haben, nach wie vor gedruckt, zum Beispiel Hans Falladas “Jeder
stirbt für sich allein” (1947 erschienen – also im strengen Sinne
eigentlich “SBZ-Literatur”), das zwar auch ein tendenziöses Werk mit
Propagandaeinschlag, aber literarisch gerade noch überzeugend genug ist;
vom Rest jedoch reden – von Spezialisten und Liebhabern abgesehen – nur
wenige. Das allerdings folgt den allgemeinen Regeln der
Aufmerksamkeitsökonomie: Das Neueste erregt gemeinhin auch das größte
Interesse, Entdeckungen und Wiederentdeckungen haben es deutlich schwerer –
und ohnehin findet jeder, der irgendetwas vertritt, wenn er es darauf
anlegt, immer genug Gründe, um zu jammern, dass seine Sache nicht gebührend
genug beachtet und gewürdigt wird, man denke nur an die armen
Lyrikproduzenten, die weder Leser noch Verlage finden …
Wenn die DDR-Literatur heute also nicht im allerhellsten Scheinwerferlicht
steht, hat das überhaupt nichts mit einer systematischen Benachteiligung
oder gar dunklen Verschwörung zu tun, die Ostalgiker nur zu gern glauben –
Leute, die Gansels Buch schon allein wegen seiner Tendenz, wie sie sich in
Titel und Cover niederschlägt, selbst ungelesen auf Bewertungsseiten loben
würden …
Im Übrigen – und diese schmerzhafte gedankliche Konsequenz werden viele
bestimmt reflexhaft und brüskiert ablehnen –: Könnte man nicht genauso gut
bzw. schlecht für die Literatur des Nationalsozialismus eintreten, die ist
doch auch “verschwunden”? Wer aber würde es wagen, vielleicht nicht nur mit
einem, sondern sicherheitshalber gleich zwei Fragezeichen im Titel, ein
Buch wie “Ausgelöscht?? Wie die Literatur des Dritten Reiches verschwand”
auf den Markt zu bringen???
