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Woran die Literaturkritik krankt

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Eine pauschalierende Polemik

Man kann nicht sinnvoll über den Zustand der Literaturkritik schreiben, ohne das große gesellschaftliche Ganze zum Gegenstand zu machen. Die Auflagen von Zeitungen, in denen Rezensionen erscheinen könnten, sind seit Jahren rückläufig, der Buchmarkt selbst zeigt eine ähnliche Tendenz: Die Umsätze sinken ebenso wie die Anzahl der Neuerscheinungen.

Warum ist das so? Die Menschen haben heute weniger Muße zum Lesen, weil sich viele unablässig von Zeitdieben wie Social Media und Film-Streaming-Diensten bestehlen lassen, hinzu kommt, was insbesondere Kinderbuchverlage bereits merken und beklagen, der demographische Wandel: Immer breitere Anteile der Bevölkerung sind bildungsfern, kulturfremd und der Sprache nicht oder nicht ausreichend mächtig, und die Anstrengungen der Bildungspolitik verpuffen im Angesicht der übergroßen Aufgabe. Diese Bevölkerungsanteile können mit Büchern nichts anfangen, und so ist es wenig verwunderlich, dass auch die Literaturkritik über die Jahre in eine immer prekärere Lage geraten ist.

Ein Buch tiefgründig zu besprechen, erfordert neben einem wachen, kritischen Geist vor allem Zeit, denn man muss es, so selbstverständlich es eigentlich sein sollte, zuerst einmal überhaupt vollständig und nicht nur hastig quergelesen haben, außerdem verlangt es nebenläufig häufig Recherchen, vielleicht muss man sogar weitere Bücher eines Autors oder zu gewissen Thematiken lesen, um sich eine Basis zu schaffen, auf der eine anständige Rezension “gebaut” werden kann, und allgemein gilt: Ein sicheres Urteilsvermögen zu bilden dauert etliche Jahre, manchmal vielleicht sogar Jahrzehnte, es bedeutet beständige geistige Arbeit, Vertrauen in sich selbst, das Geringhalten von fremden Einflüssen usw. usf.

Ich erinnere mich selbst noch an Zeiten, in denen Kritiker ihre besten Besprechungen in Sammelbänden herausgaben, weil diese weit entfernt davon waren, wenig mehr als “Waschzettel” zu sein; sie waren selbst ein Teil der Hochkultur. Heute jedoch regiert die Masse, und es ist – so banal es anmutet, das auszusprechen – die Klasse, die darunter leidet. Da gibt es Rezensenten, die mehr Bücher “besprechen”, als sie eigentlich lesen können, selbst wenn man in Rechnung stellt, dass sie über außerordentliche Schnelllesefähigkeiten verfügen sollten – Übermenschen, die ein Buch nur berühren müssen, um seinen Inhalt zu erfassen, sind sie nicht. Entsprechend flach fallen dann die Besprechungen aus: Man plaudert ein wenig vom Plot, paraphrasiert das Verlagsmaterial zu einem Buch, baut seine Texte gern nach dem gleichen, erprobten Schema auf, verteilt ein paar Nettigkeiten oder ergeht sich ungeniert in Superlativen, obwohl sich seriell vorgebrachte Superlative bekanntermaßen auslöschen; Kritisches findet man nie, weil man sich überhaupt nicht kritisch mit seinem Lesestoff auseinandersetzt, und am Ende ist alles, was man in seine Finger bekommt, eine Empfehlung, häufig eine größere, manchmal eine kleinere. Das ist schön, das ist angenehm für die Verlage, die verständlicherweise darauf hoffen, dass ihre Veröffentlichungen gepriesen und vor allem möglichst oft verkauft werden, aber es ist auch ein riesiges, geradezu schmutziges Schmierentheater.

Viele haben offenbar Angst, etwas Unangenehmes auszusprechen. Für ein Buch, das nur ein einziges Mal rezensiert wird, kann es fatal sein, wenn diese eine Besprechung negativ ist, das versteht sich von selbst, es hängt ungemein viel von so einem Urteil ab, aber die Rezensenten müssten der Wahrheit, den potentiellen Lesern mehr verpflichtet sein als den Verlagen und Autoren, denn die Leser wollen nicht betrogen werden – weder um ihr Geld noch um ihre kostbare Zeit.

Die Verlockung zur Fließbandarbeit im Rezensionswesen ist nicht gering, und die Eitelkeit oft auch nicht besonders klein. Manch einem Rezensenten mag es schmeicheln, in Kontakt mit namhaften Verlagen zu stehen, von ihnen vorab Neuerscheinungen zu erhalten oder auf besondere Veranstaltungen eingeladen zu werden, aber dann ist da auch der Druck, ist da die zumindest gefühlte Verpflichtung, Besprechungen abzuliefern. Wie mag das im Detail ablaufen? Eine neue Büchersendung liegt eines Tages im Briefkasten, man hat sie zuvor angefordert und holt sie sich jetzt in die Wohnung, das darin enthaltene Buch will gelesen werden – vielleicht neben etlichen anderen, aber man weiß, wie viel Aufwand das machen wird, andererseits hat man schon ein recht gutes Bauchgefühl, was es mit dem Buch auf sich hat, man hat die Aufmachung eingeordnet, den Klappentext durchgearbeitet, sich flüchtig über den Autoren informiert und den Text selbst etwas “angelesen” – eigentlich reicht das bereits, um schnell einen 08/15-Text darüber rauszuschießen, warum sich mehr Aufwand machen? Und da das Buch nach dieser sanften Behandlung fast unberührt ist, könnte man es eigentlich – selbst wenn das von den Verlagen keinesfalls erwünscht ist – wieder dem Markt zuführen …

Und auch das Feuilleton – was macht es, von löblicheren Ausnahmen abgesehen, in der Breite großartig anders als die semi-professionellen Amateure, kleidet es seine Grundsympathien oft nicht nur in gewähltere Worte und längere Sätze? Letztlich mag es fast immer um menschliche Verbindungen und Macht gehen, kurz darum, wer wen kennt und mag, wer wem noch eine kleine Gefälligkeit schuldet.
Zu oft wird eine lauwarme Hühnersuppe zu einer herrlich knusprigen Entenbrust an saftigen Orangen hochgejazzt, und man mag sich als deren Verfasser am Ende herausreden:
Es sind ja nur ein paar Worte gewesen, die man nebeneinander gesetzt hat. Heute benutzt man die einen, morgen die anderen, und gegenüber den Lesern spürt man nur eine äußerst geringe Verpflichtung …

Die Bücherrampe in Denis Schecks Sendung “Druckfrisch” ist immerhin ein unterhaltsames Spektakel, auch wenn dort zwischen Vernichtung und Jubel nichts Drittes passt: Herr Scheck traut sich wenigstens, stark ablehnende Haltungen kundzutun; das ist erfrischend, aber der Mann bewahrt auch erstaunlich viele Titel vor dem raschen Rutsch in den Müll – manchmal scheinbar nur, weil sie eine ihm politisch genehme Tendenz bedienen.

Im anglophonen Raum hat man die Verfahren zur Bewerbung von Büchern längst noch weiter getrieben, dort sagen sich die Autoren zu ihren Werken untereinander höfliche bis hochtrabende Dinge, die es dann auf die Buchrücken schaffen – der Fachbegriff dafür lautet “Blurbing”. Es ist ein reiner, vor Schmalz triefender Gefälligkeitszirkel. Wenn er aber nicht die erhoffte Wirkung beim Publikum erzielen würde, darf man annehmen, würde er wohl kaum betrieben werden.

Einziger Lichtblick in dieser ganzen Angelegenheit bleiben jene freie Rezensenten, die sich nicht vom Literaturbetrieb korrumpieren lassen und die den Umständen ihrer Zeit zum Trotz gewissenhaft und ehrlich ihr stets zu verfeinerndes Handwerk betreiben, aber den Lohn für ihre zahlreichen Mühen nicht in dieser Welt erhalten werden. Um aber den Bogen noch einmal so weit wie am Anfang dieses Textes aufzuspannen und um zugleich aus dem Himmel zurück auf die Erde zu kommen:

Jede Gesellschaft hat letztlich die Literaturkritik, die ihr gemäß ist – und die sie verdient.

Veröffentlicht am 30.08.2026

© 2026 by Arne-Wigand Baganz

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