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Authentizität ohne Absichten

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Ein unlösbares Paradoxon der Aufmerksamkeitsökonomie

Zwei Influencer, oder vielleicht sind es nur Möchtegern-Influencer, stellen sich vor die Kamera und erzählen ihrem Publikum, das ebenfalls aus Influencern bzw. Möchtegern-Influencern besteht, in einem selbstbewussten bis plauderhaften Ton von einer bahnbrechenden Erkenntnis, die sich allerdings schon darin erschöpft, dass man vor allem authentisch sein sollte, weil man dann Fans nicht nur für den Moment, sondern für das ganze Leben gewinnen könnte. Das ist interessant, sehr sehr interessant, aber auch äußerst verwunderlich. Kann man denn tatsächlich authentisch, also unverstellt man selbst sein mit dem Ziel, viele Fans zu gewinnen und zu halten? Ich behaupte: Nein, das ist nicht möglich, denn hier haben wir es mit einem strategischen Paradoxon zu tun, wo die eine Seite die andere Seite ausschließt. “Sei authentisch” heißt nämlich nichts anderes als “Kehre dich nach innen, schau nicht nach außen, auf die anderen, nicht darauf, was sie wollen, was sie sich wünschen, was sie von dir erwarten”, während “Fans für das ganze Leben zu gewinnen” rein zweckgerichtet, nach außen, auf das Nicht-Selbst, orientiert ist.

Wovon die beiden Influencer sprechen, ist lediglich eine “inszenierte Authentizität”: Wer vor einer Kamera steht, um dort möglichst “authentisch” zu wirken, weil er damit erfolgreich sein will, hat sein Auftreten unter eine Absicht gestellt, die genau das Authentischsein verhindert. Vielleicht hat jemand mit dieser projizierten “Echtheit” tatsächlich Erfolg bei einigen Leuten, dann bindet er sich damit aber an sein eigenes Image – und Veränderungen an der Erscheinung, dem Auftreten etc. könnten diesen Erfolg wieder gefährden, weil nicht sicher ist, wie viele seiner “Fans” die Bewegung mitmachen würden; die erzwungene Unverstelltheit erweist sich so als Rolle, aus der man nicht mehr ohne Opfer herauskommt, und vielen ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, wie viel sie von sich selbst opfern, nur um bei anderen gut anzukommen.

Dennoch: Die Botschaft der Influencer, ich verkürze sie bewusst auf “Sei einfach du selbst“, verkauft sich wahrscheinlich deswegen so leicht, weil sie den trügerischen Anschein erweckt, Erfolg erfordere nicht so sehr harte Fähigkeiten, Arbeit, Ausdauer und jede Menge Glück, sondern vor allem das öffentliche Freilegen der eigenen Persönlichkeit; ob Erfolg überhaupt erstrebenswert ist, und wenn, zu welchem Preis, ist eine gesonderte Frage, der hier nicht nachgegangen werden kann, näher an unserem Thema ist jedenfalls diese:

Kann man vor einer Kamera überhaupt unverstellt sein – oder ist das Setting selbst nicht immer schon eine Bühne, die Echtheit zur Aufführung macht?

Erinnern wir uns an Andy Warhols “Screen Test”-Experimente aus den 1960er Jahren, in denen sich Personen für drei Minuten auf einen Stuhl vor eine Leinwand setzen mussten und dabei gefilmt worden sind. Warhols Probanden reagierten unterschiedlich, wenn man sich die Streifen anschaut, merkt man den Leuten oft ihre anfängliche Unsicherheit an, sie wussten noch nicht, wie sie sich verhalten sollen oder wollen. Manche machten sich steif und versuchten, keinerlei Regung zu zeigen, als wären sie eine Puppe, andere spielten mit der Kamera wie mit einem lebendigen Gegenüber, fingen an, Gesichter zu machen, wieder andere brachen zusammen, weinten oder beendeten das Experiment vor dem vereinbarten Ablauf. Immer hat das Sitzen auf diesem Stuhl und das Gefilmtwerden dabei eine Wirkung entfaltet, die sicherlich anders ausgefallen wäre, hätte die Leute keine Kamera beobachtet. Auf Warhols Stuhl vor der Leinwand ist niemand wirklich allein, ganz für sich, dadurch wurde den Leuten eine Haltung abgerungen – und es ist für unsere Betrachtung egal, ob sie sich für Anpassung, Abwehr oder Selbstinszenierung entschieden, wichtig ist dieser eine Punkt:
Vor so einer Kamera wird alles zu einer von anderen konsumierbaren Performance.

Schon der Barock-Schriftsteller Baltasar Gracián hat in seinem “Handorakel und Kunst der Weltklugheit” (1647) bloßgelegt, wie weit her es mit der Authentizität bei den meisten ist: “Darauf achten, Verbindlichkeit herzustellen”, sagt er dort, und gleich im Anschluss: “Die meisten reden und handeln nicht als der, der sie sind, sondern nach ihren Verbindlichkeiten” – und so ist es bis in unsere Tage geblieben, dabei ist die Authentizität eigentlich ein wesentlicher Garant unserer persönlichen Freiheit. Was vielen dazu fehlt, absichtslos authentisch zu sein, ist nicht selten der Mut, weil sie Nachteile für sich und allgemein die Reaktion der anderen fürchten.

Veröffentlicht am 01.09.2026

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