Manche Gegenstände sind so groß und komplex, dass man bereits verzagt,
bevor man überhaupt den ersten Satz über sie geschrieben hat, und will man
sie trotzdem anpacken, muss man sich bescheiden, begrenzen, auf einige
wenige Aspekte und Ausschnitte konzentrieren sowie mit der gebotenen Demut
auf all das – soweit es überhaupt möglich ist – andeutend hinweisen, was
man in seinem Text aussparen musste. Ein solcher “Gegenstand” ist der 1872
in Hannover geborene, 1933 in Marienbad von Nationalsozialisten ermordete
und bedauerlicherweise in nachtgleiche Vergessenheit geratene Theodor
Lessing.
In der Wikipedia hat er immerhin einen Eintrag, in dem er als “deutscher
Philosoph, Schriftsteller und Publizist” firmiert, aber wer denkt schon an
seinen Namen, wenn er sich die Titanen des deutschen Geisteslebens des
frühen 20. Jahrhunderts vergegenwärtigt? Wir haben diesen Menschen Theodor
Lessing nicht einfach nur vergessen, selbst wenn er in den späten
Nachkriegsjahren in der Bundesrepublik eine kleine Renaissance erlebte, er
hatte auch zu Lebzeiten nie den Rang inne, den er sich im vollen
Bewusstsein seiner literarischen und geistigen Kräfte wünschte und den er
sicherlich auch verdient hätte. Wir kennen heute noch Kurt Tucholsky, Karl
Kraus und Joseph Roth – aber Theodor Lessing ist den wenigsten ein Begriff.
Eine Flaschenpost im Eismeer der Geschichte
Lessings Namen habe ich selbst ein halbes Leben lang nicht gehört, bis er
mir in Hans Ulrich Gumbrechts enzyklopädischer Jahresschau “1926” immer
wieder in Zitaten begegnete. Es war wie die unerwartete Entdeckung eines
Sterns am Himmel, dessen Bestückung man schon seit Jahren zu kennen
glaubte. Wie hat sich dieser Stern all die Zeit über nur so geschickt
verbergen können? Die 1986 erschienene, vom Lessing-Kenner Rainer Marwedel
herausgegebene und eingeleitete Sammlung von Essays und Feuilletons “Ich
warf eine Flaschenpost ins Eismeer der Geschichte”, war ein eleganter
Einstieg in das Werk. Bereits was für ein einzigartiger, poetischer und
existentiell tiefgehender Titel! – ein Titel, der zudem die Summe der
gesamten literarischen Existenz Lessings darstellt:
Lessings Schreiben ist genau diese Flaschenpost, welche die eisigen Zeiten
überdauern muss, damit sie einmal von späteren Generationen entdeckt werden
kann. Mit den folgenden Worten leitet Lessing in seinen mehrfach
verworfenen, dann doch endgültig niedergeschriebenen Memoiren zu diesem
Bild der Flaschenpost hin, wobei gleich auch seine radikale Ehrlichkeit,
seine scharfen geistigen Blitze zum Vorschein kommen, die ihn für seine
Zeitgenossen so ungenießbar gemacht haben:
Zitat: Aber die Blätter dieses Buches sind nicht für Mitlebende und nicht in Hinblick auf die Gegenwart geschrieben worden. Sondern, wenn ich beim Schreiben je an Leser gedacht habe, so dachte ich an ferne Enkel und Urenkel oder an einen kleinen Kreis von Eingeweihten und Kennern. Wenig aber bekümmerte mich die sogenannte Weltgeschichte, dieser Totentanz der Machtwechselzufälle, dieser Ozean von Blut, Galle, Schweiß und Tränen und am wenigsten die unergründliche Dummheit der deutschen Zeitereignisse, von welchen ich so viele lehrreiche Proben miterlebt und vor Augen gehabt habe: Einen Bildersaal voll von Betrügern und Betrogenen, geltenden Strohpuppen, brüllenden Bullen, hohlen Nichtswissern. Überspannte unmenschliche Gesichter, die an mir, wie einst an den meinem Wege voranschreitenden Meistern, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche, keine Vaterlandsschwärmer erzogen haben; haben wir uns doch zu oft schämen müssen, Deutsche zu sein.
Wenn wir solche Sätze heute lesen, dann offenbart sich darin noch immer die
unbestechliche Radikalität ihres Autors, sein ausgeprägter Unwille zur
Anpassung – und sicherlich auch der Grund, warum er Zeit seines Lebens
aneckte und nie wirklichen weltlichen Erfolg genießen durfte, denn zu
letzterem gehört, wenn man kein ausgesprochenes Glückskind ist, immer ein
großes Stück strategische Unehrlichkeit. Dafür jedoch besaß Lessing kein Talent – seine Moral stand aller Unehrlichkeit
entgegen.
Theodor Lessings Werk lässt sich schwer auf eine Formel bringen, weil der
Autor so vielgestaltig zu den verschiedensten Themen gearbeitet hat: Er war
ein wichtiger Zeitzeuge des Fritz Haarmann-Prozesses, er hat die Teilschuld
der Stadt Hannover an den Serienmorden nachweisen können, womit er sich
keine Freunde machte, er war Lehrer und Professor, er hat sich sowohl als
Psychologe als auch Philosoph geäußert, hat grandiose Feuilletons für
deutschsprachige Zeitschriften und passable Gedichte verfasst, sich mit den
Verehrern Hindenburgs angelegt, Thomas und Heinrich Mann geschmäht,
Menschen als Tier- und Pflanzen portraitiert, grandios-bissige Satiren
geschrieben … Diese Aufzählung müsste man noch lange fortsetzen, um Lessing
gerecht zu werden. Am Ende steht das Problem, das ich auch mit dem Artikel
habe, den ich hier schreibe bzw. geschrieben habe: Das ist alles viel,
überviel sogar, aber insgesamt nicht griffig, und was nicht griffig ist,
bleibt nicht haften, und was nicht haften bleibt, verkauft sich nicht, und
was sich nicht verkauft, wird nicht einmal vergessen, es gelangt überhaupt
nicht in andere Bewusstseine: Es mag ein Stern sein, aber immer steht vor
ihm ein Nebel, der ihn verbirgt. Die SZ hat es in einem Artikel mit dem
Titel “Genie, Großpolemiker, Vielschreiber” (2022) versucht, über Lessing
zu schreiben. Bildet das Theodor Lessing ab, wie er gelebt und gewirkt hat?
Falsch ist es nicht, aber es ist eine Verdichtung.
Kampf gegen den übermächtigen Vater
Um einen Menschen annähernd verstehen zu können, muss man sich mit seiner
Biographie beschäftigen. Schauen wir kurz auf die von Lessing. Theodor
Lessings Vater war nicht nur ein erfolgreich praktizierender Arzt, sondern
zugleich ein Despot, ein Tyrann – jemand, der vor allem mit sich selbst und
seiner Größe beschäftigt war; ein Vater, der seinen Sohn nicht liebte, wohl
auch, so erklärt es sich dieser selbst, weil er der Mutter zu ähnlich sah,
welche ihn wiederum nur liebte, ”wie man eine Puppe liebt”. Theodor Lessings Kindheit war zudem von allerlei widrigen Krankheiten
geprägt; Schlaflosigkeit und ein Drang zum Grübeln begleiteten ihn sein
ganzes Leben. Die konfliktäre Beziehung zum Vater ist neben seinen
jüdischen Wurzeln vielleicht der entscheidende Schlüssel, um sein Werk,
sein dauerndes Aufbegehren, seine Unangepasstheit an das, was die
Gesellschaft verlangt, um in ihr weltlichen Erfolg zu haben, verstehen zu
können. Hätte Lessing einen anderen Vater gehabt, wäre sein Leben
sicherlich anders verlaufen, und wäre er trotzdem Schriftsteller geworden,
dann sicherlich mit einer ganz anderen Ausprägung, aber das hätte nichts an
der conditio humana, mit der er sich so sehr beschäftigt hat, geändert: Sie wäre genauso
kritikwürdig gewesen! Wenn Lessings Leben ein fortwährender, sublimierter
Kampf gegen seinen Vater und dessen Schatten war, war es vergeblich, denn
wir kommen an unseren Vätern nicht vorbei: Wir mögen eines Tages schneller
als sie schwimmen, sie im Schach schlagen, die gelungeneren Gedichte
schreiben, den größeren Geist entwickelt haben – das alles ist nichts gegen
das, was uns vielleicht in der Kindheit von ihnen zugefügt worden ist.
Unsere Väter sind immer vor uns. Natürlich, man kann wie Lessing versuchen,
zu fliehen – man wird es vielleicht sogar müssen, um überleben zu können:
Zitat: Ich begann früh, mich zu verkriechen. Ich suchte immer nach Ecken, wo ich keinen zu sehn, keinen zu hören brauchte. Die Zerklüftung, die dies abnorme Wachstum in mir zuwege brachte, war so stark, daß es mir heute scheint, als sei mein Leben auf eine einzige Aufgabe draufgegangen, einzig allein auf die Aufgabe, diesen Abgrund zu durchlichten und Herr zu werden und Meister der in mir selber liegenden Schwierigkeit.
In seinen Memoiren, aus denen auch das eben gebrachte Zitat stammt,
berichtet Theodor Lessing weiterhin davon, dass er seinen Vater so sehr
verachtet hat, dass er immer wieder auf ihn bezogene Mordphantasien
entwickelte. Der Konflikt mit dem Vater war Lessings Ur-Tragödie, an die
sich immer neue Akte anschlossen. Dennoch: Vergeblich war dieses Leben
nicht. Bemühungen können vergeblich sein, Ambitionen können es, man kann an
Aufgaben scheitern, man kann sogar als Mensch scheitern, und trotzdem ist
kein einziges Leben vergeblich.
Eine alles zersetzende Satire
Ein Exempel Lessings großer literarischer Kunst ist die 1923 erschienene
Parabel “Feind im Land”, ein satirischer Spiegel der deutschen Nachkriegsgesellschaft und damit
der Geschichte; eine Parabel, in der Lessing die in der Politik wirkenden
Kräfte und Motivationen schonungslos seziert. Er befleißigt sich dabei
einer maßlosen Polemik, die geschickt auf der Schneide des Erträglichen
balanciert. Von der Gnade der historischen Distanz getragen, lesen wir die
Parabel heute vielleicht mit heiterer Gelassenheit, denn ihre giftigen
Pfeile zielen nicht auf uns, mag man denken, aber wer so liest, hat die
Parabel nicht verstanden: Sie zeigt im inzwischen historisch Gewordenen das
Überhistorische, das Allgemeingültige.
Als Leser der Parabel kann man sich immer wieder fragen: Was kommt denn
jetzt noch, ist der Stoff nicht bereits hemmungslos ausgereizt? Aber
Lessing gelingt es stets erneut, seinem satirischen Turm zu Babel ein
Stockwerk hinzuzufügen – ohne dass er am Ende einstürzt. Freilich greift er
dabei auch seine alte Fehde gegen Thomas Mann auf, der als “Tomi” neben
seinem Bruder “Heini” in Erscheinung tritt. Thomas Mann, eines der goldenen
Kälber der deutschen Literatur, wird in Begleitung seiner “venedischen
Epheben” dargestellt. Das mag wie ein Schlag unter die Gürtellinie
aussehen, aber mit dem erosthanatischen Werk “Der Tod in Venedig” hat
Thomas Mann der Kritik auch ein breites, nahezu planetengroßes Tor
geöffnet. Die schwarzen Blüten Thomas Manns unterdrückter Sexualität waren
jedoch nicht das eigentliche Ziel von Lessings Kritik: Musste Lessing ein
Autor wie Mann, der zum richtigen Zeitpunkt immer auf der richtigen Seite
stand, der sich leicht wie eine Feder vom Wind der Zeit tragen ließ, nicht
notwendig abstoßen? Mann war großbürgerlicher Ästhet, konservativer
Nationalist, Unterstützer der Weimarer Republik, später Antifaschist im
Exil: Nie hat er etwas riskiert, und er wurde reichlich dafür belohnt …
Die realen Personen in “Feind im Land” sind leicht hinter ihrer
Parabelmaske zu erkennen, aber, wie oben bereits angedeutet, zielte
Lessing nicht auf die bloße Karikatur einzelner Persönlichkeiten, sondern
er legte die strukturellen Motive offen, die aus Bewunderung
Gleichgültigkeit, aus Autoritätsglauben Gehorsam und aus kollektiver Angst
die Bereitschaft zur Gewalt formen. Er benutzte das scharf geschliffene
Wort wie ein Pathologe sein Skalpell: Die verletzende Schärfe geht mit
genauester Beobachtung einher, fast mit einer botanischen Liebe zum Detail,
die Lessing erlaubte, Figuren nicht nur zu dekonstruieren, sondern aus
ihnen die Systematik eines ganzen Denk- und Gefühlsapparats zu
destillieren, der immer wieder Wege in die geistige und physische
Verheerung einschlägt.
Zwischen Schopenhauer und Nietzsche
Theodor Lessing hat sich selbst zwischen Schopenhauer und Nietzsche
verortet, aber seine Philosophie kommt ohne ein metaphysisches Trostangebot
aus, in diesem Sinne ist er radikaler als beide, auch wenn er in seiner
Formulierungskunst nicht an die teils tollwütigen Bisse von Nietzsches
Aphorismen heranreicht. Was am Ende bleibt, ist ein eindringlicher Appell:
Wenn eine Rettung des oder der Menschen möglich ist, kann sie nur durch den
Geist kommen.
Für Lessing ist der Geist kein “Widersacher des Lebens”, wie es im Hauptwerk von Ludwig Klages heißt. Klages war, was überraschen
mag, ein enger Jugendfreund Lessings, aber diese Freundschaft brach nicht
nur entzwei, sie wurde zur Feindschaft. Klages sah in Lessing später einen
“Ahasver”, er wurde ihm zum Symbol für ein angeblich lebensfeindliches,
vergeistigtes Judentum, dabei hatte Klages Lessing viele “seiner” Ideen zu
verdanken. Seine geistige Schuld hat Klages nie eingestanden. Es hat ihm nicht geschadet: Sein Stern
stieg zu Lebzeiten höher als der von Theodor Lessing, was erneut zu
beweisen scheint, dass Ruhm kein Wert an sich ist. Lessing hat darunter
sehr gelitten, und so kommt er in seinen Texten häufig auf den Erfolg zu
sprechen:
Zitat: Auf immer überrädert in politischer Geschichte der witzige, freche Kopf den tiefen, schlichten; auf immer der gewaltsame Denker den besonnenen, der Dogmatiker den Kritiker, der Volksaufwiegler den Wahrheitsager (§31). Darum kann der geistige Mensch nicht Politiker sein, ohne sich selber preiszugeben. Man erinnere sich an das im §14 dargelegte Gesetz, wonach die Gemeinschaftsgeisteshaltung umso ärmer werden muss, je zahlreicher ihr eine Teilhaber- und Anhängerschaft zuwächst.
Theodor Lessing war ein Frühdiagnostiker des Antisemitismus und des
deutschen Nationalismus: Verwandte Phänomene, die nach dem Ersten Weltkrieg
verstärkt in Erscheinung traten. Lessing hatte keine Illusionen darüber,
wohin der Weg der Nationalsozialisten führen würde, er hat die mögliche
Zukunft wenn vielleicht nicht exakt gesehen, dann doch instinktiv erspürt:
Zitat: Die Menschheit wird in Urtiefen [recte: Untiefen?], religiöse und völkische, elend versinken, wird wechselweis einander zerfleischen, wenn nicht der alles bindende und schützende Bau des übernationalen Geistes sie vor sich selber rettet. Die Ordnung der Natur ist gestört. Sie kann nur noch gerettet werden durch die »Ordnung Gottes«. Seele nur durch Geist.
Dieses Setzen auf den “übernationalen Geist” darf nicht darüber
hinwegtäuschen, dass Lessing jeglicher Form von Geschichtsteleologie
misstraute. Sein philosophisches Werk “Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen” (1919), aus dem auch das eben angeführte Zitat stammt, ist seine direkte
Antwort auf den Missbrauch von Geschichtserzählungen, wie ihn viele am
Ersten Weltkrieg teilnehmende Staaten, allen voran Deutschland, betrieben
haben. Lessings Kritik an der Geschichtsmetaphysik ist eine entschiedene
Absage an Fortschrittsdenken und nationale Mythen – ein Versuch in
akademischer Philosophie, der weitaus ambitionierter ausgeführt ist als
noch die Schrift “Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens” (1908), die immer von einem Hauch vielleicht sogar ungewollter Eigensatire
begleitet ist.
Die Kernaussage von Lessings Geschichtskritik liegt bereits in ihrem Titel:
Geschichte ist ein Konstrukt, das Menschen aus der Sinnlosigkeit des Lebens
bilden, um ihm einen Sinn zu geben, weil es anders schwer erträglich
scheint. Geschichte, wie sie zu Zeiten von Theodor Lessing betrieben wurde,
war nicht nur Selbstvergewisserung: Wer sind wir, warum stehen wir heute
hier, sondern ist oft auch mit handfesten Interessen verbunden gewesen.
Seither hat sich die Geschichtswissenschaft, die laut Lessing gar keine
Wissenschaft ist, methodisch tiefgreifend weiterentwickelt und viele von
Lessings Kritikpunkten aufgenommen. Der politische Missbrauch von
Geschichte aber, gegen den Lessing schrieb, ist selbst keineswegs
Geschichte geworden: Man denke nur an Russlands aktuellen Gewaltherrscher
Putin und seine Vorstellungen darüber, wem die Krym gehöre und seine fixe
Idee, dass es das ukrainische Volk eigentlich gar nicht gäbe. Geschichte, aus einer so mächtigen Position heraus so
utilitaristisch betrieben, ist eine gefährliche Waffe.
Hegel behauptete, dass das Wahre das Ganze sei, woraus man folgern kann,
dass alles, was nicht das Ganze ist, auch nicht das ganze Wahre ist. Auf
die Geschichtsnarration bezogen heißt dies, dass sie maximal ein Teilwahres
vermitteln kann. Egal, welche Methoden die Geschichtsschreibung anwendet:
Sie muss Fakten, Ereignisse und Stimmen selektieren; sie ist eine
Abstraktion und abhängig von dem Subjekt, das sich in das, was gewesen ist,
eindenkt und -fühlt. Doch Lessings Kritik geht tiefer als eine
erkenntnistheoretische Skepsis. Geschichte wird nicht nur missbraucht, weil
sie subjektiv ist, sondern weil der Mensch selbst nach Vereinfachung, nach
Führung, nach Sinn verlangt – und bereit ist, jede noch so absurde
Geschichtserzählung zu akzeptieren, wenn sie ihm diese Orientierung bietet:
Zitat: [...] der Mensch im Durchschnitt, verkümmernder Sklave der Notdurft, wartet im Grunde seines Herzens nur darauf, daß ein höherer oder stärkerer als er selber komme und ihm sage, was er denn nun eigentlich mit sich und seinem kurzen Leben anfangen solle. Er wird daher heute “Es lebe der Volksstaat” und morgen “Es lebe der Cäsar” schreien, wird jeder Kraftentfaltung anheimfallen. wird sich nach der Seite des jeweils stärkeren Druckes neigen und jeder Regierung gehorchen, die ihm panem et circenses sichert. Er wird alles, aber auch alles ertragen und sich aufbürden lassen, wofern ihm der fromme Glaube erhalten bleibt, das müsse nun einmal so sein, denn so sei es Naturgesetz, Schicksal, Vorbestimmung, Gottes unergründlicher Ratschluß, historische Notwendigkeit. Und dem ist gut so! Denn fürchterlich wird der arme, notige Sklave erst dann, wenn er herausbekommen hat, daß es keine historischen Gesetze gibt (außer dem Gesetz seiner Dummheit), denn jetzt will er die Sache in die Hand nehmen; aber seine Dummheit ist unheilbar.
Arbeiten vs. Fliegen
Als junger Mensch hat Theodor Lessing versucht, zu “fliegen”: Mit seinem
überschwänglichen Jugendwerk “Comödie” (1893), das er hinter dem Rücken des
Vaters unter dem Pseudonym Theodor Lensing auf eigene Kosten und mit
Spenden aus seinem Umkreis veröffentlichte, erlitt er eine schmerzhafte
Bauchlandung. Er lernte daraus, dass es beim Schreiben nicht auf den
kraftvollen Übermut, das Fliegen, sondern auf das ernsthafte,
leidenschaftliche und fleißige Arbeiten ankommt. Das hat er beherzigt und
später in seiner Autobiographie festgehalten. Sein erster Flugversuch
erscheint ihm rückblickend als “Monstrum”, als
“Welterlösungsmenschheitsriesenpoem”, das die Welt doch nicht verändern
konnte. Dennoch muss Lessing insgeheim weiter vom Fliegen geträumt haben –
zu stark waren die geistig-schöpferischen Energien, die er in sich spürte,
aber seine Ambitionen konnten nie voll befriedigt werden. In einer Fußnote
(!) seiner “Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen” hat er dieses Bonmot hinterlegt, das wir sicherlich auch als verstecktes
Selbstportrait betrachten dürfen:
Zitat: Ein Mensch, dessen Seele die aller andern überragt, wird notwendig als ein Kranker betrachtet, mißverstanden, gesteinigt, für wahnsinnig gehalten, als Märtyrer enden müssen.
Was bleibt
Es hat lange gedauert, bis man Theodor Lessing in seiner Heimatstadt
Hannover, die ihm zeitlebens wenig wohlgesonnen war, gebührlich würdigte:
Sie ehrt ihn seit 1983 anlässlich seines 50. Todestages namentlich
hauptsächlich durch den Theodor-Lessing-Platz in der Innenstadt und das
Theodor-Lessing-Haus der Leibniz Universität. Doch institutionelle Ehrungen
allein reichen nicht aus, um einen vergessenen Autor ins Bewusstsein
zurückzuholen. Dafür braucht es Vermittler: engagierte Einzelne, die sich
einem Werk verschreiben und es beharrlich zugänglich machen. Kafka hatte
Max Brod, der gegen Kafkas testamentarischen Willen dessen Manuskripte
rettete und publizierte. Hölderlin hatte Pierre Bertaux und andere, die
ihn, diesen Stern, aus dem Dunkel der Vergessenheit holten. Und Lessing? Er
hat neben Hans Ulrich Gumbrecht und anderen vor allem Rainer Marwedel,
einen Sozialwissenschaftler, der 1984 an der Universität Hannover über
Lessing promovierte. Marwedel lernte das Werk seines
Dissertationsgegenstandes bereits im Alter von 20 Jahren kennen und
beschäftigt sich bis heute mit ihm. Er ist Verfasser einer
Lessing-Biographie, die in großen Teilen als gelungen angesehen werden kann
(für die frühen Jahre ist Lessings Autobiographie tatsächlich ergiebiger)
und Herausgeber der “Theodor Lessing Edition” sowie der oben bereits
erwähnten Anthologie von 1986.
Lessings Flaschenpost, abgesetzt aus der tiefen Nacht einer dem Leben oft
feindlich gesinnten Geschichte, ist ein eindringlicher Aufruf, die
universelle Vernunft und den Geist nicht als abstrakte Prinzipien, sondern
als tatsächlich letztmögliche Rettung vor den menschlichen Abgründen der
Moderne zu begreifen. Theodor Lessings gewaltsam beendetes Leben, sein
vielschichtiges und doch weitgehend ignoriertes Werk, sind Mahnmäler –
nicht nur eines immensen Verlustes, sondern auch der lohnenden und einen
belohnenden Option, zumindest lesend zu erinnern, was sonst für immer
verloren bliebe.
Die Flaschenpost selbst – Lessings Schreiben wie die Beschäftigung mit ihm
– bleibt paradox:
Zitat: Alle Worte, Werte und Werke der Menschheit sind wie der Geist selber: Lebenswunde und -genesung in eins.
