Die Hauptfigur in Elie Wiesels “Dawn”, dem zweiten Band (1961, im Original
”L'Aube”) der Nacht-Trilogie, ist Elischa. Er ist nach dem Zweiten
Weltkrieg ein Entwurzelter, der keine Heimat mehr hat. Hinter ihm liegt die
Erfahrung des Holocaust als KZ-Insasse und die des Verlustes seiner ganzen
Familie; seine Traumata begleiten ihn durch sein weiteres Leben:
Zitat: Als die Amerikaner Buchenwald befreiten, boten sie mir an, mich nach Hause zu schicken, aber ich lehnte das Angebot ab. Ich wollte meine Kindheit nicht noch einmal erleben, wollte meine Heimat nicht in fremdländischen Händen sehen. Ich wusste, dass meine Eltern tot waren und dass meine Heimatstadt von den Russen besetzt worden war”
Was kann jemand wie Elischa, der im deutschen Lager bereits gestorben ist, noch für eine Zukunft haben? Er ist jung, fast das ganze Leben liegt
eigentlich noch vor ihm – und doch ist auch schon so viel Leben hinter ihm!
Ein Mann namens Gad wirbt Elischa in Paris für die Irgun Zwai Leumi an, die
gegen die Briten um die Kontrolle im sogenannten Völkerbundsmandat für
Palästina kämpfen. Die Irgun sind eine bewaffnete zionistische
Untergrundorganisation, die tatsächlich von 1931 bis 1948 bestand. Im Buch
wird sie namentlich nicht näher benannt und immer nur als “Bewegung”
referenziert.
Gad verspricht Elischa, ihm eine Zukunft zu geben. Diese Zukunft aber muss
erst noch erkämpft werden. Das erste Mal in der Geschichte der Juden, heißt
es in der existentialistischen Novelle, wären die Juden kein Opfer, sie
würden sich wehren …
Die Irgun gehen nicht zimperlich vor: Sie erbeuten Waffen, legen
Hinterhalte, bringen Briten um. Elischa reist also nach Palästina und wird
ein Teil dieser Organisation.
Zitat: ”Denkst du, sie könnten es wirklich tun?”
“Warum nicht?”
“Die Engländer? Könnten die Engländer jemals ein Pogrom organisieren?
“Warum nicht?”
“Sie würden es sich nicht trauen.”
“Warum nicht?”
“Die Weltöffentlichkeit würde es nicht zulassen.”
“Warum nicht? Denke nur an Hitler; die Weltöffentlichkeit hat ihn für eine ganze Weile toleriert.”
Ja, die Weltöffentlichkeit toleriert vieles viel zu lange. Damals waren es
Hitler und Stalin, heute sind es andere Gestalten, die in ihre Fußstapfen
getreten sind …
Elischa bekommt eines Tages den Auftrag, einen britischen Offizier namens
John Dawson, den die Irgun als Geisel für ein eigenes, von den Briten
gefangenes und zur Hinrichtung verurteiltes Mitglied hält, im Morgengrauen
zu erschießen. Das ist die Mathematik der Irgun: Wenn die Briten ihr
Mitglied David Ben Moshe umbringen, bringt sie ihrerseits John Dawson um.
Eine Rechnung, die dem biblischen Lex talionis folgt …
Wird Elischa durch diesen Auftrag selbst vom Opfer zum Täter? Einfach macht
er es sich nicht, obwohl er es sich vielleicht einfach machen könnte, aber
sein Gewissen, seine eigene Erfahrung als Opfer mischt sich ein. Was
unterscheidet ihn denn, fragt er sich, wenn er den Auftrag ausführt, noch
von einem SS-Mann in einem grauen Mantel?
Dramaturgisch ist Wiesels Novelle exzellent gemacht. Als Leser kann man wie
Elischa langsam in die verhängnisvolle Situation hineingleiten, sich
vielleicht kurzzeitig “Okay, da werden dann im weiteren Verlauf wohl die
beiden Menschen umgebracht” denken, aber plötzlich ist da dieser gewaltige
Konflikt, sind da die toten Verwandten Elischas, die zuschauen, die ihre
Stimme erheben.
Für die Irgun ist John Dawson nur die zweite Seite der Rechnung, welche die
Briten aufgemacht haben: Seine Ermordung wird die Gleichung und damit die
Gerechtigkeit wieder herstellen. Dawson weiß, dass sein Leben vorbei ist,
dennoch nutzt er seine letzten Minuten, um Elischas Gewissen maximal und
für immer zu belasten: Wenn er ein Monster wäre, jemand, den man hassen,
oder nur eine Nummer, die man vergessen könnte, würde die Exekution für
Elischa ein einfach zu vollziehender Akt sein; aber Dawson ist ein Mensch,
der sich durch sein bewusstes Reden als solcher zeigt. Was wird sich durch
diesen Mord ändern? Vielleicht gar nicht so viel, außer der Tatsache, dass
ein Mord im übertragenen Sinn immer auch den Mörder tötet …
Der terroristische Überfall der radikalislamischen Hamas auf das
Supernova-Festival am 7. Oktober 2023 und der anschließende Gaza-Krieg
zeigen die Kontinuität der Gewalt in dieser Erdregion. Diese Kontinuität
macht Elie Wiesels “Morgendämmerung” zu einem nach wie vor aktuellen Buch.
Es verhandelt moralische Fragen, die wohl niemals hinfällig werden, da sie
mit unserem komplizierten Menschsein wesentlich verbunden sind. Zu welchen
Mitteln man sich erlaubt zu greifen, um einen vermeintlich oder “wirklich”
guten Zweck zu erreichen, ist nur eine davon.
Wiesel führt uns in ein gefährliches Grenzgebiet, in dem der legitim
erscheinende Ruf nach Gerechtigkeit unmerklich in die Spirale der
Vergeltung und damit der Gewalt umschlägt. Er zwingt uns zu fragen, was ein
Menschenleben noch zählt, wenn die Ideologie das Individuum zur bloßen
Rechengröße degradiert hat.
Elischas Dilemma betrifft nicht nur ihn, es betrifft uns alle:
Kann man die Freiheit kämpfend erstreiten, ohne die Integrität der eigenen
Seele zu verlieren?
Wie würden wir selbst an Elischas Stelle entscheiden: Würden wir überhaupt
entscheiden, oder würden wir uns vom strukturellen Zwang treiben lassen,
bis es zu spät ist?
Manche Bücher sagen auf über 1000 Seiten weniger als Elie Wiesel auf den
100 in seiner Novelle. Manche dieser dicken Bücher gelten als Klassiker der
Weltliteratur – vielleicht auch, weil so einige Menschen Angst haben, wenn
sie nicht in den Kanon einstimmen, abseits als Kenntnislose zu stehen, auf welche die
anderen herabschauen ...
Die leere Verehrung so mancher Klassiker ist eine nicht mehr neu begründete
Tradition:
Sie wird von vielen schlicht fortgesetzt, weil es sie gibt und weil es
leichter ist, sich wie ein Schaf in die Herde einzuordnen, als selbst einen
Kanon aus Büchern zu definieren, die man verstanden und lieben gelernt hat.
Wiesels “Morgendämmerung” zu lesen, ist hingegen kein bloßer Akt der
Traditionspflege, kein Haken auf einer Liste, sondern möglicherweise eine
sehr notwendige Konfrontation mit uns selbst.
