In seinem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts” (1943) befasst sich Jean-Paul Sartre ausführlich mit der Unaufrichtigkeit (La mauvaise foi), indem er einen sprachlich beeindruckenden, großen dialektischen
Wortwirbel entfacht, der zwar scharf aber doch am Thema vorbeipfeift: Viel
Aufwand, der wenig Ertrag bringt, weil das Phänomen rein ontologisch nicht
zufriedenstellend zu fassen ist. Sartre sieht in seinem Himmel der Ideen
die Unaufrichtigkeit primär als eine Selbsttäuschung, welche die
Realisierung der Freiheit unterbindet. Das verdeutlicht er bildhaft unter
anderem mit seiner berühmten Kellner-Figur; auf der
lebenspraxisrelevanteren Verhaltensebene jedoch ist Unaufrichtigkeit ein
Sichverstellen mit dem Ziel, eigene Risiken, Aufwände oder Schäden zu
minimieren und eigene Nutzen oder Gewinne zu maximieren: Eine besondere
Form der Ökonomie. Die Unaufrichtigkeit kann dabei sogar so habituiert
sein, dass sie dem Subjekt, das sie zum Modus seines Handelns und Sprechens
macht oder gemacht hat, tatsächlich nicht mehr voll bewusst ist, ohne
jedoch dadurch in eine handfeste Selbsttäuschung abzugleiten: Sie ist in
einem solchen Fall schlicht der Normalzustand. Die angestrebte Optimierung
der eigenen Interessen fährt dann gewissermaßen auf Autopilot und braucht
nur hier und da ein paar Korrekturen, um nicht vom Weg abzuweichen.
Aufrichtigkeit wäre, wenn man nach der Wahrheit befragt wird, sich nicht
wegzuducken, sich nicht zu verbiegen – sondern gerade stehen zu bleiben wie
ein Eichenbaum, selbst wenn es stürmt, selbst wenn das Aussprechen der
Wahrheit empfindliche persönliche Kosten verursacht, einem ein paar Äste
wegbrechen.
Aufrichtigkeit ist keine Selbstverständlichkeit, sie erfordert nicht selten
Kraft, Mut und vielleicht sogar eine gewisse Blindheit gegenüber den ihr
drohenden Gefahren, deswegen haftet man ihr gern den Hauch des Heroischen
an, dabei kann sie schon im ganz Kleinen anfangen: Eine Kassiererin gibt
dem Touristen in einem buddhistisch geprägten Schwellenland, der zu seinem
potentiellen Schaden eine 100er Banknote mit einer 500er verwechselt hat,
weil sich beide, gerade bei schlechtem Licht recht ähnlich sehen, dennoch
das Wechselgeld heraus, obwohl die Kassiererin der rein materielle Gewinn
vielleicht mehr freuen könnte als der Verlust den Touristen ärgern, wenn er
ihn denn bemerken würde. Entscheidend ist auch in diesem bewusst einfachen
Beispiel, dass es um mehr geht als nur das immer hungrige Selbst: Es geht
um das Zwischen- und Miteinander, in der Summe der Akte sowohl um die
lokale Gesellschaft als auch die globale Menschheit, oder mit einem anderen
Wort – um Empathie und die Zurückstellung des trügerischen, oft
verblendeten Egos.
Die blanke Lüge ist im Gegensatz zur Unaufrichtigkeit proaktiv, sie setzt
in einem direkten Angriff eine Falschheit aktiv an die Stelle der Wahrheit,
die Unaufrichtigkeit ist eher ein Ausweichen vor der wahrscheinlichen bzw.
vermuteten unangenehmen Konsequenz der ausgesprochenen Wahrheit, ein
Reagieren – mehr eine in die zeitliche Breite gehende Haltung als nur ein
punktueller Akt.
Was sind Beispiele für Unaufrichtigkeit, wie ich sie verstehe? Eine
unaufrichtige Person A kann einer anderen Person B Recht geben, obwohl A es
nicht so meint, A aber denkt, dass dieses unaufrichtige Rechtgeben seine
Position bei B verbessert oder zumindest nicht verschlechtert, oder A
verschweigt B etwas auf eine gezielte Frage, bei der es für A nichts zu
gewinnen, also nur ein Risiko, etwas zu verlieren, gibt. Oder ganz trivial:
Jemand klatscht als Teil einer Menge, obwohl ihm die beklatschte Sache egal
oder sogar zuwider ist, aber er will nicht abweichen, nicht auffallen.
Die Unaufrichtigkeit ist immer strategisch, da sie ein Ziel hat, und
schädlich, weil sie ihr Zielsubjekt täuscht über die Dinge, die sie sich
zum Gegenstand macht, und auch in der Person selbst, die sie anwendet. A
untergräbt das Vertrauen, das B in A setzt. A mag am Ende eines Jahres
vorgeben, eine Weihnachtsgans zu sein, aber B wird irgendwann merken, dass
das, was er mit seiner einen Hand greift, kein Gänsehals, sondern ein
zitternder, sich windender Aal ist, der ihm letztlich entgleitet. Hat B das
schließlich gemerkt, hat er die Option, A gegenüber selbst unaufrichtig zu
sein, indem er ihn nicht wissen lässt, dass er dessen Unaufrichtigkeit
erkannt hat, dann spielen beide, A und B, auf einer ähnlichen Ebene – in
einem ressourcenintensiven Spiegelkabinett mit doppelter Buchhaltung: Sie
haben die gesunde Kommunikation zugunsten einer giftigen aufgegeben, indem
sie die Vortäuschung als eine Art zwischenmenschliche Währung akzeptieren.
Nicht die berufliche Rollenidentifikation und -ausübung, die Sartre anführt
(Kellner, Lehrer: niemand muss zwingend in diesen Berufen, wenn sie ihm
missfallen, arbeiten) gefährden die Freiheit, sondern das kommunikative
Regime, das durch gelegentliche wie habituierte Unaufrichtigkeit entsteht
und in dem die Teilhaber an dessen Kommunikationsakten schließlich nur noch
auf Projektionen reagieren. Dies negiert jedoch nicht die Zuhandenheit von Freiheit, um die es Sartre in seinem Hauptwerk geht: Der Mensch hat immer eine
Wahl, wie er sich in und zu dieser Welt verhält – selbst wenn es nur eine
aus ausschließlich – aus individueller Sicht – schlechten Optionen sein
sollte. Er entscheidet und bleibt dadurch Mensch, mag er auch wegen einer
spezifischen Wahl zugrunde gehen. Einschränkend muss an dieser Stelle
bemerkt werden, dass die Wahl, die ein jeder hat, nicht total ist: Der
Mensch kann sich nicht von Grund auf selbst entwerfen, er hat auch
Eigenschaften an-sich-für-sich, die er maximal (in Akten der
Unaufrichtigkeit!) unterdrücken kann, wie zum Beispiel seine sexuelle
Identität, mit der sich Sartre in Form der Homosexualität übrigens
auffallend häufig und in sehr bürgerlich-altertümlicher Weise beschäftigt
hat. Der individuelle Entwurf steht, wenn man so will, in einer gewissen
Spannung mit der Geworfenheit, also dem Gepäck, das man zwangsläufig in
diese Welt mitbringt und das weitere, das man sich selbst mit der Zeit auf
den Rücken lädt bzw. das einem andere darauf laden – ob man will oder
nicht.
Verhaltensbasierte Unaufrichtigkeit kann es dennoch auch gegenüber sich
selbst geben, wenn ein Rädchen in einem System seine Sicht auf seine
Funktion als Rädchen beschränkt, obwohl es eigentlich in der Lage ist,
darüber hinauszuschauen und weitere, nicht zwingend alle Teile des Systems
zu überblicken: Die Konsequenzen des eigenen Handelns in einer Kette von
Operationen, die für sich betrachtet nicht alle strikt verwerflich sind.
Nehmen wir die talentierte Bildhauerin, die sich sagt, sie würde nur ihrer Kunst nachgehen, einen Stein meißeln und dadurch ihren
Lebensunterhalt verdienen, während sie eigentlich eine monumentale
stalinistische Skulptur zu Propagandazwecken herstellt; oder den
mathematisch und technisch versierten Mann vor dem Bildschirm, der lediglich Koordinaten und Parameter setzt – für eine Rakete, die Menschen in der
Ukraine nachts in ihrem Schlaf töten wird; oder den stets zuverlässigen
Lokführer, der sich bloß leidlich bemüht, den Fahrplan einzuhalten, vielleicht eine kleine
Verspätung aufzuholen, die er nicht selbst verschuldet hat, während er
seinen Zug nach Osten, Richtung Auschwitz fährt …
Das Böse, hat Zygmunt Bauman in „Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust” (1989) geschrieben, ist nicht allmächtig:
Zitat: Man kann ihm Widerstand leisten. Das Zeugnis der wenigen, die Widerstand geleistet haben, erschüttert die Autorität der Logik der Selbsterhaltung. Es zeigt, was diese Logik letztendlich ist – eine Entscheidung. Man fragt sich, wie viele Menschen dieser Logik trotzen müssen, damit das Böse handlungsunfähig wird. Gibt es eine magische Schwelle des Widerstands, jenseits derer die Maschinerie des Bösen zum Stillstand kommt?
Haben die Menschen der Vergangenheit und Gegenwart häufig genug versucht,
diese Schwelle zu erreichen? Und was ist mit dieser deutlich niedrigeren
Schwelle:
Wie „böse” muss etwas sein, um überhaupt Widerstandsgedanken zu erzeugen?
Ich gebe der Versuchung nach, diese Fragen hier nicht für sich stehen zu
lassen – in der Hoffnung, dass sie vom Leser dadurch nicht als bereits
beantwortet abgetan werden:
Vielleicht ist die Unaufrichtigkeit auch deshalb so gefährlich, weil sie
den beißenden Geruch des Bösen gewissermaßen verdünnt, nicht essentiell,
aber für die Wahrnehmung:
Wenn das Böse nicht als massiver Block auftritt, sondern als eine Kette von
kleineren Operationen, vielleicht nur Ausweichmanövern, bleibt der „Sturm“,
gegen den man wie ein „Eichenbaum“ stehen müsste, aus. Es herrscht eher ein
diffuser Nebel, bzw. es ist möglich, sich vorzumachen, dass es nur Nebel
wäre und man deswegen gar nicht klar genug sehen könne, um entschieden zu handeln …
Und eine bittere Wahrheit ist wohl auch, dass Widerstandsgedanken oft erst dann entstehen, wenn der Preis der Unaufrichtigkeit (der Verlust
der Selbstachtung oder die Sichtbarkeit des Schadens) die „persönlichen
Kosten“ der Wahrheit übersteigt: Das ist das Ehepaar in Hans Falladas Roman
„Jeder stirbt für sich allein” (1947), das erst den eigenen Sohn verlieren muss, um gegen das
faschistische Regime zu kämpfen, das sind die Bewohner der Region
Chabarowsk in den Jahren 2020/21, die zeigen, dass man auch in Russland
protestieren kann, wenn es ans „Eingemachte”, die eigenen Interessen, geht
– während der Krieg gegen die Ukraine, der damals bereits seit über sechs
Jahren geführt wurde, keinen vergleichbaren Widerstand erzeugte:
Der giftige Nebel der Unaufrichtigkeit verdunkelt nicht gleichmäßig, er
spart gern aus, was das Selbst nicht unmittelbar berührt.
