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Die verkaufte Ukraine und eine hohle Faust

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Ziemowit Szczerek - Mordor frisst uns alle auf

Eine Kritik zu Ziemowit Szczereks "Mordor kommt und frisst uns auf"

Ziemowit Szczereks (*1978 in Radom, Polen) “Mordor kommt und frisst uns auf”, in dem ein polnischer Journalist durch die Ukraine auf der Jagd nach Abenteuern und in Geld verwandelbare Geschichten reist, erschien in Polen im Jahr 2012 und in Deutschland fünf Jahre später. Zwischen diesen beiden Veröffentlichungsjahren lag bereits die Maidan-Revolution, die russische Annektion der Krim, der Überfall auf den Donbas – ein kolossaler, ein epochaler Bruch. Das hielt das deutsche Feuilleton damals jedoch nicht davon ab, das Buch wie eine etwas überdrehte, aber aktuelle Reportage zu feiern: Man schätzte die Reiseerlebnisse des Ich-Erzählers Łukasz Ponczyĺski als “herrliche Satire” und “intellektuelles Vergnügen”, Rezensenten amüsierten sich über die “Gullydeckel-Mützen” der Grenzbeamten und “saufende Ukrainer”, während sie quasi die russischen Erzählungen konsumierten, welche die Ukraine als “Failed State” und kulturelles Ödland markieren, in dem maximal der Ausnahmeschriftsteller Bruno Schulz erwähnenswert ist, weil sein Geburts- und Sterbeort heute darin liegen.

Anachronismen und überraschende Sprünge
Wer “Mordor kommt und frisst uns auf” liest, reist mit dem Text nicht nur zu Orten wie Lwiw, Drohobytsch, Kamjanez-Podilskyj, Sewastopol, Dnipro und Saporischschja, sondern muss sich auf einiges gefasst machen, z.B. Anachronismen und eine zuweilen launig springende Chronologie. So sagt Taras, ein Reisebegleiter des Erzählers, beispielsweise, dass Stalin Galizien erst 1945 den “grauen Barbaren” zugeschlagen hätte (ohne den Vollzug der Absprachen des geheimen Zusatzprotokolles des Hitler-Stalin-Paktes Ende 1939 zu erwähnen), an einer späteren Textstelle hingegen wird kurz die Jahreszahl 1939 als Zäsur in den Raum geworfen. An einer weiteren Stelle befinden sich Figuren der Erzählung plötzlich vor dem Bandera-Denkmal in Lwiw, das erst 2007 eingeweiht wurde, obwohl man eben noch im Jahr 2002 war. Polnische Touristen machen in dem Buch eifrig Handyfotos und haben dicke Digitalkameras mit großen Speicherkarten vor ihrer Brust hängen, Dinge, die man eher um das Jahr 2010 einordnen würde, während man gedanklich immer noch am Anfang des Jahrtausends steht. Aber das ist wohl alles egal, und wenn es nicht egal ist, dann ist es zumindest nicht so erzählt, als würde historische Genauigkeit von Wert sein: Szczerek lässt nicht nur die Zeit, sondern die Entwicklungsdynamik eines ganzen Landes verschwinden, weil es ihm kaum um das Land geht. Die Ukraine bleibt in seinem Stück Literatur weitgehend eine sonderbare Kulisse.

Das Buch (mir widerstrebt es ein wenig, es Roman zu nennen, und ich werde es gleich dennoch tun!) ist fragmentarisch angelegt, als wären frühere Reisenotizen des Autoren (er hat die Ukraine über Jahre hinweg besucht) nicht ausreichend bearbeitet in den Roman eingeflossen. Besonders heraus sticht eine kurze Episode mit einem “Geschäftsmann”, der sich am zentralen Busbahnhof in Lwiw Passanten mit seiner “Idee” aufdrängt. Das “Business” betitelte Kapitel ist nur ca. eine Buchseite lang – und erweckt den Eindruck, als hätte der Autor alles, was bei seinen Erkundungen das Landes irgendwie angefallen ist, auch verwerten wollen. Eigentlich ist es eine schöne Anekdote, wenn sie nur künstlerisch in die Erzählung eingearbeitet wäre, so isoliert wirkt sie wie: Ach, stimmt, das habe ich ja auch noch erlebt, bitteschön, hier ist es.

Wodka ist nicht Horilka
Schmerzhaft für Landeskundige dürfte die sprachliche Nivellierung sein, die im Text stattfindet. Dass in ihm – ob durch den Autor selbst oder die deutsche Übersetzung – beharrlich von “Wodka” statt “Horilka” die Rede ist, mag kleinlich erscheinen, wenn man es (wie hiermit geschehen) bemerkt. Doch in einem Buch, das häufig den Westen der Ukraine durchstreift, ist es eine unangenehme darstellerische Unschärfe: Die Ukraine wird sprachlich kolonisiert und dem russischen Kulturraum zugeschlagen, noch bevor die erste Flasche geleert ist – und die Flaschen, welche im Roman geleert werden, sind schwer zu zählen! Aber Szczerek kann auch anders: In Kapitel 6 sinniert sein Erzähler darüber, was es ausmacht, wenn auf Speisekarten das Ukrainische mit lateinischen Buchstaben notiert wird. Sein Fallbeispiel ist freilich wieder aus der Welt des Alkohols gegriffen: “Pljaschka tscherwonoho wyna”, eine Flasche Rotwein …
Man muss dem Autoren von 2012 im Jahr 2026 nicht vorwerfen, dass er die Ereignisse von 2013/14 nicht hat kommen sehen – immerhin kritisiert er ja auch die damals noch größtenteils autokratischen Herrscher von Belarus, Russland und der Ukraine, und die folgende ist möglicherweise die politischste Stelle des Buches, allerdings wird sie entsprechend verulkt, indem ukrainische Babuschkas als zwar mit einer gewissen Unantastbarkeit und damit Macht ausgestattet, aber dennoch wenig würdevoll als “Kreaturen” dargestellt werden:

Zitat:

Die Babuschkas sind außerdem, dachte ich, die einzigen Kreaturen, die etwas ändern können. Weil sie unantastbar sind. Und eines Tages wird es so kommen. Eines Tages werden sie einfach zum Kreml ziehen und zur Residenz des Präsidenten der Ukraine und zu dem Riesenklotz, in dem Lukaschenka haust, sie werden dort überall einziehen und niemand wird sie aufhalten, weil hier niemand die Hand gegen eine Babuschka erhebt.


Von einem Reiseschriftsteller wünsche ich mir mehr, als dass er bloß an der Oberfläche eines Landes kratzt, um seinen Lesern anschließend lediglich einen skurrilen Anekdotenstrauß auf den Tisch zu stellen, der von reichlich Alkohol umspült wird: Szczerek ist im Jahr 2012 erschreckend blind für die Ukraine, die auch schon Anfang der 2000er insbesondere während und nach der Orangenen Revolution, sichtbar dabei war, aus dem dunklen Schatten des Moskauer Imperiums herauszutreten, auch wenn es mit der Platzierung Janukowytschs als Präsidenten wieder deutliche Rückschritte in die dunkle Vergangenheit und in Richtung Russland gab. Klar, in “Mordor kommt und frisst uns auf” werden irgendwie auch die neuen Bars in Lwiw und ein paar ukrainische “Nationalisten” erwähnt, welche end- und ergebnislos diskutieren, ob man sich vom Osten des Landes unabhängig machen und vielleicht auch das lateinische Alphabet annehmen sollte, aber tiefer geht es nicht.

Zurück zu den Babschukas, ”die den Putins, Lukaschenkas, Kutschmas, Janukowytschs und dem ganzen Pack, das das Volk mit dem Gesicht in die Scheiße stößt, die Schädel durchlöchern” werden. Das ist eine interessante, aber reichlich infantile Vision, die gleich wieder “realistisch” gebrochen wird – allerdings mit der befremdlichen Gleichsetzung nicht gleichzusetzender Länder:

Zitat:

Wobei auch das, fürchte ich, nichts ändern wird, weil kurz darauf Klone dieser Putins und Lukaschenkas auftauchen würden, die wachsen hier nach wie abgeschlagene Drachenköpfe, weil sie hier den passenden Boden vorfinden. Sie sind Fleisch vom hiesigen Fleisch, in ihnen bündelt sich wie in einem Brennglas das, was ohnehin hier ist und wovor es kein Entkommen gibt


Dieser interventionistische Kommentar sei mir erlaubt: Ohne Moskau hätte es weder Janukowytschs autoritäre, restaurative Präsidentschaft noch Lukaschenkas Kartoffel-, Kali- und Traktoren-Diktatur gegeben. Es sind Ungenauigkeiten wie diese Gleichsetzung, die einem beim Lesen bitter aufstoßen können, wenn man vom Buch mehr erwartet als unterhaltsame Borat-Anthropologie.

Die Pose der Verantwortungslosigkeit
Szczerek hat durch seine Reisen in die und der Ukraine über die Jahre sicherlich reichlich Material sammeln können, aber warum führt einen sein Text gleich zweimal hintereinander auf den berühmten Lytschakiwski-Friedhof in Lwiw? Das erste Mal im Kapitel “Junge Adler”, das wie eine kurze, abgebrochene Reportage über polnische Touristen und bettelnde Kinder wirkt, die sich als Polen ausgeben: Als wäre dieses Fragment rettend in den Roman integriert worden. Zwei Kapitel weiter dann ist derselbe Friedhof ein Ort der Drogenbeschaffung.
Szczerek kann an sich schreiben, nur – und das muss man sich bei diesem “Roman” fragen – wozu hat der Autor sein Talent benutzt? Er reproduziert in seinem bunten, schnellen Stil ein Klischee über die Ukraine nach dem anderen! Ja, ich weiß jetzt auch, dass es sich um satirische Überzeichnungen handeln soll, aber wenn alle Ukrainer pauschal als Russen, alles in der Ukraine als “russig” beschrieben wird, wenn überall im Buch die “Russendisko” ertönt, und die Leute fast durchweg sagen, dass früher alles besser gewesen sei, erschließt sich mir diese Satire nicht auf Anhieb. Vielleicht ist mein “Humorsensorium” schlicht zu träge. Zugegeben: Ich las ohne Beipackzettel und fremde Hilfestellung, also auf ausschließlich eigene Gefahr. Eine präzise Aufklärung habe ich erst auf Seite 105 (von 231) erhalten, wo das Buch plötzlich seinen Bauplan offenlegt – viel zu spät, nach Seite 80 hätte ich das Buch normalerweise weggelegt, wenn ich es nicht hätte ernsthaft “studieren” wollen, aber das ist wohl dieser an Hunter S. Thompson orientierte “Gonzo”-Journalismus, hinter dem sich Szczereks Text versteckt:

Auf der Vorderseite des Buches ist eine “Gonzo-Faust” bildlich dargestellt, auf der Rückseite sieht und spürt man diese nur als Abdruck. Dieser Trick ist gelungen. Beim Lesen hatte ich lange Zeit den Eindruck, den mir meine Finger vermittelten: Etwas stimmt doch mit diesem Buch nicht! Aber es handelte sich dieses Mal gar nicht um einen Zustellschaden durch die Post, die gern Bücher mit Gewalt in meinen Briefkasten zwängt, sondern eben um den Abdruck der Gonzo-Faust. Nun, sie sieht ja nett, wenn auch etwas prätentiös aus, aber ist sie nicht ein Symbol für eine Pose, die im vorliegenden Fall eigentlich nur einen Schutzschild für übermäßige Verantwortungslosigkeit abgeben soll?
Mich erinnert diese Faust auf dem Cover irgendwie an eine “Rote Faust”, durch die als “künstlerische” Neuerung wie bei einer Kreuzigung ein Nagel geschlagen wurde, nur dass das Blut, das sich in der Handinnenfläche sammelt, hier blau ist – so blau wie der Herzsaft der polnischen Szlachty, welche die westliche Ukraine als Teil ihrer geliebten Kresy ansahen?

Eingeworfene Scheiben
Die Distanzierung des Autoren von seiner hochhaushohen (Pardon!) Ansammlung von Klischees ist dünn, aber vorhanden, wie erwähnt, kann man sie vor allem in der Buchmitte und zudem im letzten Kapitel “Orientalismus” sowie punktuell herauslesen: Aber wozu wirft jemand Scheiben ein, die er dann mit Klebeband notdürftig zu rekonstruieren sucht? Ziemowit Szczerek betreibt genau das, was er (vermutlich?) vorgibt zu kritisieren: Er macht die Ukraine zum exotischen, primitiven “Anderen” und letztlich das, was der Chef in Krakau, die vielleicht ehrlichste Figur im Roman, vom Journalisten und Ich-Erzähler Łukasz Ponczyĺski fordert: Über Dinge schreiben, welche die Erwartungen der Leser erfüllen, Texte produzieren, die konsumierbar und gut verkäuflich sind. Aus geschäftlicher Sicht kann man sagen: Gut gemacht, in Polen war das Buch ein Erfolg, aber macht dieser Erfolg das Buch auch zu einem guten Buch? Natürlich nicht.

Ist es nicht zum Naserümpfen, wenn Textfabrikanten hier in Europa, egal ob im Westen, im Zentrum, Norden, Süden oder Osten, Leute wie Kerouac, Bukowski, Thompson und dergleichen imitieren? Was soll dieses Nachmachen, ist es zu aufwendig, einen eigenen, authentischen und damit angemessenen Stil zu entwickeln und zu pflegen? Warum dieses unsanft aufgesetzte “O yeah, wir machen auf Fear and Loathing in Las Vegas; Benzedrin und Mexiko vertauschen wir einfach mit Vigor-Balsam und der Ukraine, auf geht’s, die Straßen hoch und runter – und weil wir so endlos cool sind, kommt natürlich auch Acid vor, nur dass wir es Kwass nennen – krass, oder”? Aber die ganze Kritik, ich sehe es ein, geht fehl: Es besteht ja tatsächlich Bedarf an Kopien von Importen! Die Leere muss gefüllt werden, egal, womit, solange es schnell geht und einträglich ist – versteht sich.

Stilprobe gefällig? Gern:

Zitat:

Die Drecksäcke hier, sitzen bis zu den Ohren in der eigenen Scheiße und haben seit Polowzern und Petschenegen nichts geändert. “Das Einzige, was die fertigkriegen”, er riss energisch einen Dating-Büro-Aushang vom Fenster, “ist mit Ausländern rumzuhuren, um hier rauszukommen. Das ist es, was der elende verrusste Osten aus den Menschen macht: Dreckskerle und Huren.


Dieses böse Mordor …
Der Begriff Mordor, der nicht nur im deutschen, sondern auch dem polnischen Titel des Buches verwendet wird, ist bei Szczerek noch auf Osteuropa ausgeweitet, während es seit dem vollumfänglichen Krieg Russlands gegen die Ukraine nahezu global nur noch für den Aggressor benutzt wird. Hier wird wieder eine Scheibe eingeschlagen, um sie zu kitten, indem die Aussage im Anschluss schlichtweg als “Kacke ohne Sinn und Form” eingeordnet wird:

Zitat:

Aber im Osten ist nur dieses böse Mordor, die graue Masse, vor der sich alle fürchten. Die Barbaren. Stumpfsinnige, grobschlächtige Orks und Trolle mit Kohlrabivisagen. Die durch die graubraune Landschaft waten. Und in einer primitiven Vorstufe der menschlichen Sprache herumstammeln.


Das Land hinter den Zeilen
“Mordor kommt und frisst uns auf” bleibt ein problematisches, oft ärgerliches Dokument literarischer Geschäftstüchtigkeit. Und doch: Wer die Ukraine kennt, liest hinter – nicht zwischen – den Zeilen des Zynismus und den vielen Übertreibungen Aspekte des Landes heraus, die in Ansätzen zeigen, wie es einmal gewesen ist. In Deutschland allerdings traf dieser “Profit-Gonzo” tragischerweise auf ein Publikum, das die Ukraine nicht oder kaum kannte und deshalb die Karikatur für die Essenz halten konnte. Damit hat das Buch den Gegnern des Landes in die Hände gespielt, weil es nicht dazu anregt, die Vorurteile, die Banalisierungen zu hinterfragen.

Gegen Ende des Buches gesteht sich der Ich-Erzähler immerhin ein, er ist gerade in Saporischschja, also weit im Osten des Landes, dass er sich der Anziehungskraft der Ukraine schwerlich entziehen kann, selbst wenn er sie mit ausschließlich negativen Begrifflichkeiten schildert. Es ist vielleicht die stärkste Einsicht, welche das Buch zu bieten hat:

Zitat:

Irgendetwas an diesem Reich der Hässlichkeit hatte mich doch fasziniert. Obwohl ich mich auch vor ihm fürchtete.


Veröffentlicht am 29.01.2026

© 2026 by Arne-Wigand Baganz

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