In der Mittagspause gehe ich gern spazieren, das macht den Kopf frei und ist am Ende sogar oft stärkender und erbaulicher, als ein Essen zu sich zu nehmen, und so ziehe ich gerade wieder durch die Straßen auf der Suche nach den wenigen Flächen, die noch der Natur gehören: Wiesen, Bäume, Sträucher – und sogar ein Rinnsal haben wir!
Bis zur Bundestagswahl ist es jetzt nicht mehr weit, überall hängen schon die Plakate an den Laternenmasten. Die Blaubraunen und die Blutroten wollen sich hier in Lichtenberg duellieren, die einen oder die anderen, sagen die Umfragen, werden das Rennen machen, die demokratische Mitte hingegen ist in diesem Stadtteil von Berlin eine kümmerliche Randerscheinung: Königin wird entweder Beatrix von Storch oder Ines Schwerdtner, wird die Teufelin oder die Beelzebübin. Daran führt kein Weg vorbei, meine Ummenschen wollen es so und nicht anders.
Ich bin also unterwegs, mal wieder mittags unterwegs und noch gar nicht so weit gelaufen, als mich drei Grundschüler anhalten. Einer von ihnen, ein Farbiger, nimmt seinen Mut zusammen und fragt mich, ob er mich etwas fragen darf. Ich merke, dass er ein wenig aufgeregt ist und überlege mir, was die drei wohl wollen könnten. Wenn man in Berlin von Fremden angehalten wird, egal, ob sie klein oder groß, jung oder alt, gepflegt oder ungepflegt sind, braucht man nie etwas Gutes erwarten, ich habe doch schon fast alles erlebt. Was also wollen diese drei Schüler? Nach der Zeit fragen? Unwahrscheinlich. Suchen sie einen Ort? Eher nicht. Was kann es dann sein, vielleicht brauchen sie Geld, um sich einen Wunsch zu erfüllen?
Ich antworte mit “Ja” und höre die Frage, die sie mir eigentlich stellen wollen: “Wählen Sie AfD?”. Oh, darum also geht es! Ich bin erstaunt und antworte nur “Ne!”, obwohl ich auch “Niemals!” hätte sagen können, was doch noch bestimmter geklungen hätte und trotzdem irgendwie freundlicher, weil länger gewesen wäre. Ich bedauere meine Wortwahl. Warum bin ich so kurz angebunden? Weil ich ein Großstadtmensch geworden bin, ein vom vielen Fragen traumatisierter Großstadtmensch, der so redet, als könnte er auch AfD wählen; aber eigentlich will ich nur meine Ruhe, vor allem meine Ruhe, damit ich ungestört meine Gedanken immer weiter spinnen kann.
“Gott sei Dank!” sagen die drei Schüler fröhlich und erleichtert im Chor, als ich schon weitergehe. Es hat sich fast wie ein Gesang angehört, wie das Zwitschern von Vögeln, die erkannt haben, dass der Stein, der nach ihnen geworfen wurde, daneben geht und nicht mal ein Stein ist.
Ich denke über das nach, was ich gerade erlebt habe und merke, dass auch ich Dank empfinde, denn ohne die Kinder hätte ich jetzt nicht diese Gedanken, sondern andere. Ich bin sogar einigermaßen bewegt. Haben die drei mich aus eigenem Antrieb gefragt, oder hat sie jemand aus ihrer Schule losgeschickt, um diese Befragung vorzunehmen? Das wäre hässlich. Ich denke schon, dass es von ihnen ausging, und wenn sie noch weitere Leute fragen, werden sie sicherlich irgendwann einen AfD-Wähler finden, der sich traut, zu seiner bedauerlichen politischen Einstellung zu stehen, denn hier will schließlich jeder Fünfte dieser Partei der Dummen und Frustrierten seine Stimme geben.
Beatrix oder Ines, die Teufelin oder die Beelzebübin. Etwas anderes wollen meine Ummenschen eben nicht.