“Das Beste wäre, nie geboren sein” ist ein allzumenschlicher Spruch, der trotzdem wie ein Schauder durch die
Jahrhunderte zieht und der uns von den unterschiedlichsten Personen in den
unterschiedlichsten Formen überliefert worden ist. Ich kann im Folgenden
nur einen bescheidenen Überblick über ein paar Stellen geben, die mir
selbst begegnet sind.
Schon in der Bibel findet sich die Denkfigur, die dem Spruch zugrundeliegt,
und zwar im Kohelet, der wie ein leuchtender Fremdkörper vieles überstrahlend in diesem frühen
Buch steht:
Zitat: Da pries ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr als die Lebendigen, die noch das Leben haben. Und besser daran als beide ist, wer noch nicht geboren ist und des Bösen nicht innewird, das unter der Sonne geschieht.
Alles, was man denken kann, kann irgendwann von irgendwem gedacht werden –
selbstverständlich auch das Kontrafaktische, das Unmögliche. Also musste
auch dieser Gedanke einmal gedacht, und weil er so ungeheuerlich war, auch
ausgesprochen, schlimmer noch: niedergeschrieben und überliefert werden.
Woher kommt denn diese unheimliche Denkfigur, die den Wunsch ausspricht,
nie geboren worden zu sein? Vielleicht ist sie einmal durch die Reihe der
folgenden Fragen und Antworten entstanden. Dieses Nachspüren, das ich mir
gleich erlaube, ist natürlich tiefste Spekulation, aber ein anderes
erklärendes Mittel bleibt mir nicht.
Jemand dachte sich:
Warum leide ich? Weil ich lebe.
Warum lebe ich? Weil ich geboren worden bin und noch lebe.
Wäre ich tot, würde ich nicht mehr leiden, aber zu sterben heißt vielleicht
auch zu leiden.
Da wäre es doch bestimmt besser, gar nicht erst geboren worden zu sein?
Ja, das scheint mithin das Beste von allem zu sein.
Das Beste jedoch ist nicht mehr erreichbar, weil ich bereits lebe.
Also wäre das zweitbeste, nämlich alsbald zu sterben, das beste noch
mögliche?
Nun, es kommt darauf an, welches Leiden größer ist:
Zu leben und zu leiden oder zu sterben und zu leiden, und es kommt auch
darauf an, wie stark das Leiden ist, wie lange es dauert.
Der radikale Existenzskeptizismus oder Antinatalismus stellt sich solche fiesen Fragen wie diese: Sollten wir uns besser nicht
mehr fortpflanzen, da die Geburt die erste Ursache aller menschlichen
Leiden ist? Und er antwortet darauf mit einem eindeutigen: Ja.
Aus dem Kohelet haben wir bereits gehört, auch im fiktiven
Dichterwettstreit zwischen Hesiod und Homer (Certamen Homeri et Hesiodi), für die Friedrich Nietzsche die erste kritische Textausgabe besorgte,
lesen wir:
Zitat: Nimmer geboren sein, wär sämtlichen Menschen das Beste!
Einmal geboren jedoch, alsbald zum Hades zu fahren!
Wir werden in Kürze erfahren, wie Nietzsche sich diesen Spruch selber angeeignet hat, fahren aber chronologisch fort:
Etwa zur gleichen Zeit, auf welche man den Dichterwettstreit zwischen
Hesiod und Homer datiert, schreibt Sophokles in “Ödipus auf Kolonos”:
Zitat: Nicht geboren zu werden, übertrifft jedes Wort. Aber, wenn einer ins Licht
getreten, zu gehen dorthin, woher er kam, aufs schnellste, das nächstbeste ist es bei weitem.
Ein wichtiger Unterschied fällt im Vergleich der Zitate auf: Der
literarische Homer macht im Dichterwettstreit die Fahrt in die Nachwelt als
nächstbestes aus, Sophokles die Rückkehr zu jenem Ort, aus dem man in die
Welt gefallen ist: die Vorwelt.
Möglicherweise greifen beide Textstellen auf Theognis von Megara (etwa zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts v.u.Z. – und damit wäre diese
Quelle deutlich früher als das Kohelet-Zitat) zurück, bei dem es heißt:
Zitat: Gar nicht geboren zu werden, das wäre für Menschen das Beste, nimmer des Sonnengotts sengende Strahlen zu schauen; ist man aber geboren, so schnell, wie es geht, in des Hades Pforten zu dringen und dort unter der Erde zu ruhn.
Bei Heinrich Heine heisst es dann viel später formvollendet und ergreifend in dem nachgelesenen Gedicht “Morphine”, man spürt in den sanften Worten seine tiefen Leiden:
Zitat: Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser - freilich
Das Beste wäre, nie geboren sein
Einige Jahre darauf nimmt Friedrich Nietzsche in “Die Geburt der Tragödie” (1872) den Gedanken wieder einmal auf und formt ihn wie folgt:
Zitat: Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben.
Von Ayn Rand (1905–82), und damit sind wir plötzlich im 20. Jahrhundert, ist dieses
Zitat überliefert, das von einem schwierigen Leben zeugt:
Zitat: But if I were given a choice – of all centuries – I’d select last the curse of being born in this one. And perhaps, if I weren’t curious, I’d choose never to be born at all.
Ein jüngeres Beispiel aus unserem Jahrhundert, das mir in den sozialen
Medien über den Weg lief und das ich leider nur noch sinngemäß und ohne
Urheber (er schrieb ohnehin unter einem Pseudonym) wiedergeben kann, weil
ich es mir nicht notiert habe, ist:
Zitat: Mein Beitrag zu einer besseren Welt ist, keine Kinder zu haben. Das ist dann auch schon alles.
Und trotzdem: Was gibt es schöneres, als Kinder zu haben – und zu leben?!
Und wenn man keine Kinder haben kann oder mag: Was gibt es schöneres, als
Pflanzen zu pflanzen oder den Tieren zuzuschauen, wie sie ihr Leben leben?
Und überhaupt: Das Leben zu schützen und das Gute zu mehren sollte uns,
obwohl wir es uns nicht ausgesucht haben, einmal geboren zu werden und auf
dieser Welt zu weilen, ein ständiges Anliegen sein. Was wäre sinnvoller als
das?
