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Die Wahl des Gruppenratsvorsitzenden

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In der Unterstufe, wahrscheinlich in der dritten und nicht erst in der vierten Klasse, stellte uns unsere Klassenlehrerin vor die Aufgabe, einen Klassensprecher zu nominieren. Damals in den 1980ern, damals in der DDR hieß diese Rolle “Gruppenratsvorsitzender”. Ein Gruppenratsvorsitzender wurde zwar von seiner Klasse “gewählt”, war aber weniger ein Vertreter der Schüler als vielmehr ein Bindeglied zwischen Schülerschaft und Vertretern des Staates, er war dem Klassenleiter und der Pionierorganisation “Ernst Thälmann” rechenschaftspflichtig.
Die von der Lehrerin gestellte Aufgabe kam für uns Schüler überraschend, löste aber sogleich Diskussionen im Klassenraum aus. Ich hatte mich noch nie mit dem Gedanken befasst, wer denn für einen Gruppenratsvorsitzenden am besten geeignet wäre, vielleicht nicht einmal damit, was die von ihm erwarteten Tätigkeiten waren. Als Kind eines kirchlich und politisch aktiven Dissidenten stand ich sowieso immer äußerst abseits im Klassenverband und mir war irgendwie auch schon klar, dass zumindest ich als einziger Nichtpionier gar nicht gewählt werden könne, weil das Wort Gruppenrat in Gruppenratsvorsitzender auf eben jene staatliche Schülerorganisation verwies, die ihre Mitglieder stets in gut gebügelten weißen Blusen und mit blauen oder roten Halstüchern sehen wollte.
Die Lehrerin gab schließlich ein paar Kriterien vor, die es uns Schülern erleichtern sollten, eine “gute” Wahl zu treffen. Vielleicht nannte sie so große Worte wie Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Klugheit, Fleiß und dergleichen, an denen wir uns orientieren sollten. Die Worte halfen auf jeden Fall, etwas Fokus in die Diskussion zu bringen. In ihrem Verlauf fiel dann auch mein Name, und sobald er gefallen war, nahmen ihn weitere Schüler in den Mund. Die Idee erzeugte im Raum Resonanz: Die Klasse schien jetzt eine Lösung für die Aufgabe der Lehrerin gefunden zu haben. Was hieß das in dem Moment für mich? Ich durfte wohl annehmen, dass ich bei meinen Mitschülern nicht unbeliebt war und dass sie mich mit freundlichen Augen sahen. Das freute mich, natürlich freute mich diese Art der Anerkennung als Schüler der Unterstufe. Den Noten nach gehörte ich zur Leistungsspitze, aber dennoch merkte ich, dass hier gerade etwas Seltsames vorging. Als ein Schüler der Lehrerin schließlich den direkten Vorschlag machte, mich zu nominieren, lachte sie abwehrend, aber sie war auf diesen Fall nicht unvorbereitet, hatte sie doch ihre Schützlinge schon eine Weile beobachtet. “Ihr wisst doch”, begann die Lehrerin ihre Erklärung, “dass A kein Pionier ist, deswegen kann er auch nicht zum Gruppenratsvorsitzenden gewählt werden”. Verblüffung und Schweigen im Klassenraum, dabei war das vorgebrachte Argument ziemlich einleuchtend. Es bestätigte nur, was ich ohnehin schon angenommen hatte. Dennoch versuchten einige Wagemutige, die Lehrerin mit süßen Stimmen bittend zu einer Ausnahme zu überreden. Umsonst. Vollkommen umsonst. Mit einem simplen Passivsatz redete sie sich raus, und die Bittenden hatten – sicherlich ohne es zu wissen – nur meinen stillen Schmerz vergrößert.

Über die Jahrzehnte habe ich immer wieder an dieses Ereignis meiner frühen Schullaufbahn, meines noch jungen Lebens gedacht. Hatte die Lehrerin hinter den Kulissen vielleicht in einem Einzelgespräch sogar dafür gesorgt, dass mein Name in die Diskussion einfließt – und zwar mit dem Ziel, mich schlecht fühlen zu lassen? In der DDR hat man doch gern so gearbeitet: Dem Individuum, das nicht mitmacht, wird ordentlich zugesetzt, bis es sich denkt, dass das Leben um so vieles einfacher wäre, wenn es endlich aus seiner Isolation heraustritt und in der Masse der Mitmacher verschwindet, die, wenn sie überhaupt eine Meinung haben, diese lieber nicht artikulieren – oder aber bis das Individuum, das nicht mitmacht, ganz verschwindet. Ein Prinzip, dessen Anwendung nicht nur auf die DDR oder andere Diktaturen beschränkt ist, sondern das vielleicht nur ein mögliches Kennzeichnen unbeschränkter Macht darstellt, die vor allem erst einmal an ihrem Selbsterhalt interessiert ist. Die liebe Klassenlehrerin hat damals den einzigen gangbaren Ausweg aufgezeigt, als sie mich herausfordernd durch ihre Brille anblickte und vor uns Schülern sagte, dass ich nur Pionier werden müsste, dann wäre die Hürde beseitigt. So einfach war das Leben in den 1980ern noch!

Im Ernst: An vieles in meiner Kindheit kann ich mich nicht exakt erinnern, aber etwas drängt mich, es heute zu dokumentieren. Ich sehe mich immer noch in diesem grell von Neonlampen beleuchteten Klassenzimmer sitzen, irgendwo hinten links, und wie am Ende der Sohn der Pionierleiterin zum Gruppenratsvorsitzenden, wahrscheinlich auf einen vernünftigen Vorschlag der Lehrerin hin, “gewählt” wird. Wer war er, dieser Glückliche? Eine graue Maus, die in der Klasse nicht besonders beliebt gewesen ist, die nach heutigen Maßstäben wahrscheinlich sogar gemobbt wurde. Er war eine aus Sicht des herrschenden Systems durchaus logische “Wahl”. Durchaus!

© 2026 by Arne-Wigand Baganz

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