Der Mann Ende 30 mit der offenliegenden, futuristisch aussehenden Prothese,
die sein rechtes Bein ersetzt, lacht im Kreis seiner Familie, als wäre sein
Leben genau wie früher, als er durch dieses noch auf zwei Beinen gehen
konnte. Ein Schein, der trügen kann, aber vielleicht gelingt es ihm
wirklich, so positiv zu sein und zu bleiben.
Gemeinsam trinken sie noch einen Glühwein, bevor es dann in das Tempodrom
zum «Okean Elzy»-Konzert geht. Viele Gäste haben sich heute Abend Ukraine-Fahnen über die
Schultern gelegt, denn ein Auftritt dieser besonderen Band zu vorgerückter
Stunde ist immer auch ein nationaler Feierabend.
Das Publikum ist größtenteils ukrainisch, wegen der bekannten
Ausreiseregelungen gibt es in ihm kaum Männer im wehrfähigen Alter.
Für einen wohltätigen Zweck
Es ist nicht der beste Moment, um auf ein Konzert zu gehen – in Zeiten, in
denen Russland noch immer seinen brutalen Angriffskrieg gegen die ganze
Ukraine führt; aber es wäre sinnlos, aus Pietät auf jegliche Lebensqualität
zu verzichten. Es ist durchaus einmal erlaubt, fröhlich zu sein und für
eine kurze Auszeit das Grauen des Krieges so gut wie möglich auszublenden.
Zudem geht es bei dem heutigen Ereignis ja auch um Wohltätigkeit: Die
Einnahmen aus dem Konzert werden an vom Krieg betroffene Kinder sowie an
medizinische Einrichtungen gespendet. Die Karten sind nicht billig, es geht
bei EUR 59,- für “Manegenplätze” los und steigt dann auf den Rängen in den
dreistelligen Bereich. Für viele Anwesende dürfte der Eintritt kein kleines
finanzielles Opfer gewesen sein.
Das Tempodrom
Obwohl ich seit über 20 Jahren in Berlin wohne, war ich noch nie im
Tempodrom, habe es immer nur von außen gesehen und manchmal fotografiert,
weil es wegen seines zeltförmigen, weißen Daches ein sehr markantes Gebäude
ist. Auch innen wirkt es wie ein runder Zirkusbau, und ich fühle mich
direkt ein wenig an den Stadtzirkus im ukrainischen Lwiw erinnert, den ich
doch sehr viel öfter besucht habe …
Vielleicht können das andere Konzertbesucher sogar nachempfinden.
Nicht ausverkauft
Ausverkauft ist das Konzert nicht, aber bis zur Begrüßung durch die Band
füllt sich die Halle doch zunehmend. Sie wird von der Bühne aus über weite
Strecken in dunkel leuchtendem Blau angestrahlt. Es werden also einige Euro
für die Spendenaktion zusammengekommen sein. Natürlich wäre es schön
gewesen, wenn noch mehr Deutsche zu diesem Konzert der großen ukrainischen
Rockband, die durchweg auf Ukrainisch singt, gekommen wären, aber dafür
mangelt es ihr hier wohl noch an Bekanntheit, obwohl sie diese mehr als
verdient hätte.
Singen und Durchhalten
Dieses Konzert ist eine gemeinschaftliche Zusammenkunft, ist fast wie eine
Messe, in der man die altbekannten und neueren Lieder feiert, in der das
Publikum sieht, dass es auch im Fühlen stark und nicht allein ist, dass die
Ukrainer viele sind und niemals aufgeben werden. Das kann man sich nicht
oft genug vergegenwärtigen – wie sollte man sonst durchhalten?
Während die Lieder vorgetragen werden, strecken die Konzertbesucher beide
Arme in die Luft und bewegen sie gleichmäßig im Takt, bilden ein kleines
Meer aus Armen, sie hüpfen, tanzen, winken mit ihren blau-gelben Fahnen,
winken auch mit den in ihren Telefonen eingebauten Taschenlampen, machen
Fotos, Videos, streamen das Ereignis zu ihren Freunden via Social Media –
und natürlich singen sie die meisten Lieder mit, weil sie sie lieben und
schon hunderte Male gehört haben.
Mariupol – Die gerechte Stadt der Maria
Ein ergreifender Höhepunkt dieses Abends mit der seit 1994 bestehenden und
in Lwiw gegründeten Band «Okean Elzy» ist das erst im Mai erschienene «Misto Marii» (Stadt Marias), in dem es um das von den Russen komplett zerstörte Mariupol
geht – und wie die dort begangenen Verbrechen die Ukrainer doch nicht
zerbrechen werden. Der Sänger Swjatoslaw Wakartschuk singt im Refrain des Liedes:
Zitat: Und die Kanonen des Schiffes
werden meinen Traum nicht zerstören!
Den Glauben wird mein Herz niemals verraten.
Es wird für immer bestehen
Die gerechte Stadt der Maria.
Bis über dem stolzen Asow
Die Sonne aufgeht ...
Bis die Sonne über dem freien Asow aufgeht,
Bis die Sonne über unserem Asow aufgeht ...
Es ist ein Lied, wie es dieses eigentlich gar nicht geben sollte, wenn die
Menschen so wären, wie sie ein Gott gemeint haben könnte. Da wir aber in
der oft brutalen Realität leben, in der barbarische Länder wie Russland
andere Länder aus den niedrigsten Beweggründen noch immer kriegerisch
überfallen, ist es ein kleiner Trost, wenn solche vom Herzen kommenden
Lieder wie «Misto Marii» komponiert und aufgeführt werden.
Ruhm der Ukraine
Während des Liedes stimmt Wakartschuk «Slawa Ukrajini» an – und das Publikum macht den Wechselsprech selbstverständlich mit. Ruhm
den Helden, Ruhm der Nation, Tod den Feinden usw.; es hat vielleicht nicht
mehr ganz die Potenz, die es im Frühjahr noch hatte, denn auch wenn diese
Slogans eine wichtige symbolische Bedeutung haben, sind sie keine
Zauberformeln, die man nur kräftig zu nennen braucht, um den russischen
Feind zu schlagen. Und wie oft hat jeder der hier Anwesenden diese Worte in
den letzten Jahren schon gerufen?
Oft und immer noch nicht oft genug …
Die Russen müssen merken: Die Ukraine wird sich niemals ergeben!
Im Himmel fliege ich wieder und wieder
Eines meiner persönlichen Lieblingslieder von «Okean Elzy» ist «Na Nebi» (“Im Himmel”), ein Liebeslied, das in der Setlist nicht fehlen darf. Hier
der übersetzte Refrain:
Zitat: Und ich bin im Himmel!
Mein Liebling, im Himmel!
Mein Stern, im Himmel,
Seitdem ich Dich fand!
Und ich bin im Himmel
Wie im irdischen Himmel.
Liebling, bin ich bei Dir,
fliege ich wieder und wieder!
Der größte Hit am Schluss
Nach einer kurzen Streichereinlage kommt der Abend irgendwann mit «Ja tak chotschu do tebe» (“Ich will Dich so sehr”), dem vermutlich größten Hit der Band, der auch in
unseren Radios gut funktionieren würde, zu seinem Abschluss.
Schönheit und Trauer
Es war ein schönes Konzert, auch wenn das ganze vor dem traurigen
Hintergrund des russischen Angriffskrieges stattfand, das Publikum aus sehr
wahrscheinlich vielen geflüchteten Ukrainern bestand und die Band ohne
diese Umstände zu dieser Zeit weder in Berlin noch an diesem
Veranstaltungsort aufgetreten wäre.
Lasst uns gemeinsam für bessere Zeiten, ein besseres Leben, eine bessere
Welt kämpfen – natürlich nicht allein, aber auch wegen «Okean Elzy» und vieler anderer Bands, damit sie wieder große Hallen-Konzerte in ihrer
ukrainischen Heimat für deren friedliebende Bewohner geben können.
Слава
Україні!